Bremsen erschwert: John Degenkolb blieb eine hinderliche Verletzung am linken Zeigefinger. © imago
Gezeichnet: Chad Haga. Die Narben blieben ihm. © Haga
Das Fahrzeug, das die Trainingsgruppe frontal erwischte. Unter dem Auto das Rad von Ramon Sinkeldam. © Mattias Reck
Beginnende Aufräumarbeiten: Die zerstörten Räder wurden neben der Straße gesammelt. © Team Giant-Alpecin
München – Bei der Spanien-Rundfahrt hat sich gerade gezeigt: Ein Sturz kann auch die Besten treffen, jedes Schlüsselbein kann brechen, auch ein Wirbel – und so hat Tadej Pogacar die Vuelta nicht beenden können. Aber er wird zurückkehren, wahrscheinlich nicht schwächer sein – Radsportler verarbeiten solche Zwischenfälle gut und oft erstaunlich schnell. „Niemand tot, niemand im Rollstuhl“ – das scheint als Motto der Erleichterung über der Branche zu schweben, wenn absehbar ist, dass Wunden wieder verheilen, Knochen zusammenwachsen.
Der Satz findet sich in dem gerade erschienenen und bemerkenswert guten Buch „Frontal“ (Covadonga Verlag, 22 Euro) des niederländischen Schriftstellers Nick Klaessens, der vor gut zehn Jahren zufällig in einen der schlimmsten Unfälle der Radsportgeschichte geriet. Er war nach Calpe in Spanien gereist, um ein Interview mit dem damaligen Star des Teams Giant-Alpecin, Tom Dumoulin, zu führen. Er fragte nach, ob er zuvor eine der Giant-Trainingsgruppen bei einer Ausfahrt begleiten dürfe, der schwedische Trainer Matthias Reck nahm ihn im Auto mit. Sieben Fahrer stark war die Gruppe, die Sprints geübt hatte und nun dem Hotel entgegenrollte. Korrekt am rechten Rand der Straße, hinein in eine Kurve. Und dort keine Chance hatte: Eine 73-jährige Britin kam den Radlern auf deren Seite entgegen; ihr SUV hatte Rechtssteuer, sie folgte der Gewohnheit von zuhause, fuhr links. Sören Kragh Andersen konnte ausweichen, die anderen sechs Fahrer erwischte die Britin, bevor sie bremste. Auf einer Strecke von 50 Metern lagen sechs verbeulte Fahrräder und sechs Körper, verletzt, schreiend. Der Däne Kragh Andersen fuhr unter Schock weiter ins nächste Dorf, stürmte in ein Café und schrie, es müssten Ambulanzen kommen.
Das dauerte, eineinhalb Stunden lang sah die Straße aus wie ein Schlachtfeld. Schriftsteller Klaessens drückte auf die Wunde des Amerikaners Chad Haga: Der Amerikaner war auf den Lenker seines Rennrads geknallt, aus einem Loch im Hals sprudelte Blut. Zwei Deutsche waren unter den Opfern: Max Walscheid hatte sich an mehreren Stellen das Wadenbein gebrochen. Damit er mit dem Schmerz klarkam, gab man ihm ein Carbonrohr eines der zerstörten Räder, auf das er beißen konnte. Walscheid sorgte sich aber auch um Landsmann John Degenkolb, der still dalag. Durch seinen Unterschenkel konnte man auf den Asphalt sehen, so wird es beschrieben, und die Experten bemerkten umgehend Degenkolbs komplett verdrehten Zeigefinger. Degenkolb selbst bat, man möge seine Frau verständigen, sie solle vom Unfall nicht aus den Nachrichten erfahren – ihr Vater war einst mit dem Rad ums Leben gekommen.
Es kamen Krankenwagen und für Chad Haga der Helikopter – nach einer Nacht wusste das Team: Alle überleben. Neben Kragh Andersen, Degenkolb, Walscheid und Haga waren Warren Barguil (Frankreich), Roman Sinkeldam (Niederlande) und Fredrik Ludvigsson (Schweden) die Unfallopfer des 23. Januar 2016. Erstaunlicherweise: Alle kehrten noch im Unglücksjahr zu den großen Rennen zurück – Chad Haga, der zunächst nur hatte auf dem Rücken liegen können, saß zwei Monate nach dem Crash wieder im Sattel („Weichteilverletzungen heilen schneller“). Später bemerkte er einen Fremdkörper in seiner Lippe, schnitt sie auf: ein Stück Windschutzscheibe.
Mit dem Abstand von mehreren Jahren besuchte Nick Klaessens die damals involvierten Fahrer. Fast alle hatten einen guten weiteren Karriereverlauf. Doch manchen blieb ein Unbehagen, wenn ein Auto sich nähert – auch beim Rennen im Peloton. Im Training gibt es häufig gefährliche Situationen, manche Fahrer achten bei der Wahl ihrer Strecken auf verkehrsarme Profile. Zur Unfallkurve bei Calpa sind sie alle wieder gekommen. Bewusst (noch ein Jahr danach fanden sie Autoteile zwischen den Felsen), zum nächsten Trainingslager (die Gegend ist beliebt) oder im Rennen (die Straße ist oft Teil von Vuelta-Etappen). „Sieben Fahrer, sieben Arten von Verletzungen, sieben Arten der Genesung, sieben mentale Schocks“ beschreibt Klaessens. Eine gemeinschaftliche Aufarbeitung gab es nicht. Der Radsport funktioniert dezentral, die Fahrer werden weitgehend sich selbst überlassen.
Die spürbarste Zäsur in der Karriere erlebte John Degenkolb. 2015 war er ein Siegfahrer auf den Ein-Tages-Klassikern. Und wenn auch er 2016 schnell zurückkehrte (am 1. Mai), war seine Verletzung die für einen Radfahrer tückischste. Der Zeigefinger war nur noch an einem Hautfetzen gehangen, er wurde wieder angenäht, doch der Knochen wuchs nicht richtig zusammen, die Beugesehne war nicht zu reparieren – ein Handicap beim Bremsen und Schalten. Radfahren ist auch Handarbeit. John Degenkolb gewann 2018 zwar noch eine Tour-de-France-Etappe, doch hatte nicht mehr die alte Klasse.
„Dass Heroismus und Verletzlichkeit nah beieinanderliegen, kann man im Grunde auch im Fernsehen bei der Tour de France oder beim Giro sehen“, schreibt Nick Klaessens. „Aber wie viel Schmerz und Kampf es kostet, nach einem Sturz zurückzukehren, bekommt man als Zuschauer nie wirklich mit.“GÜNTER KLEIN