Björn Mannsverk war früher Kampfpilot. © X
Mittlerweile ist er im Fußball als Mentaltrainer beim letztjährigen Sensationsteam Bodö/Glimt aktiv. © Torbergsen/Imago
Bjørn Mannsverk ist ein ehemaliger norwegischer F-16-Kampfpilot. Inzwischen verhilft er als Mentaltrainer Champions-League-Teilnehmer Bodo/Glimt zu Höhenflügen. Im Interview spricht er über Ängste und die Vorbereitung auf den FC Bayern.
Herr Mannsverk, Sie waren Kampfpilot, leiden aber unter Höhenangst. Das klingt schwierig …
Das klingt paradox, aber im Cockpit eines Kampfjets hat man keine klassische Höhenangst. Man ist fest angeschnallt, hat eine Hülle um sich und kontrolliert die Lage. Stehe ich hingegen auf einem hohen Balkon, spüre ich dieses mulmige Gefühl sehr wohl. Es zeigt, was Angst eigentlich ist: ein Schutzmechanismus unseres Gehirns.
Was haben Sie über Angst gelernt?
Dass sie etwas völlig Natürliches ist, das uns evolutionär am Leben gehalten hat. Heute sind die Bedrohungen andere, aber das Gefühl bleibt. Entscheidend ist, die Angst zu akzeptieren, anstatt sie zu bekämpfen. Lässt man sich von ihr beherrschen, friert man ein.
Sie haben selbst Kampfeinsätze in Libyen erlebt. Wie funktioniert man im Cockpit trotz Angst?
Wir waren sehr gut ausgebildet und hatten über lange Zeit trainiert. Dadurch konnten wir unsere Aufgaben sehr professionell erfüllen. Aber natürlich gab es Angst. In Libyen war meine größte Angst, eine Bombe auf das falsche Ziel abzuwerfen. Das hätte Menschenleben kosten oder sogar die gesamte Operation gefährden können.
Was haben Sie empfunden, als Sie Ihre erste Bombe abgeworfen hatten?
Erleichterung und tatsächlich auch Freude. Ich war glücklich, weil der Auftrag funktioniert hatte. Später verstand ich, warum die Erleichterung so extrem war: Ich hatte das falsche Ziel so sehr gefürchtet, dass das Ausbleiben des Fehlers pure Erleichterung war.
Und diese Erfahrung hat Sie später auch beim Mentaltraining beeinflusst?
Ja. Wir haben damals viel mit Achtsamkeit und Meditation gearbeitet. Es geht dabei nicht darum, immer perfekt konzentriert zu bleiben – das schafft niemand. Es geht darum, rasch zu bemerken, dass man die Konzentration verloren hat, und den Fokus zurückzuholen.
Wie lässt sich das auf den Fußball übertragen?
Ein Spieler beschäftigt sich im Spiel oft mit Dingen, die er nicht kontrollieren kann: Was denken die Zuschauer? Was passiert bei einem Fehler? Stattdessen sollte er sich fragen: Was kann ich genau jetzt beeinflussen? Darauf muss der Fokus liegen.
Sie sagen aber auch: Ein gewisser Druck ist notwendig.
Unbedingt. Stress beschreibt neutral unser Aktivierungsniveau. Ist ein Spieler vor einem wichtigen Match völlig entspannt, ist das eher ein Problem. Es geht um die richtige Balance. Sieht man Stress als etwas Schlechtes, erzeugt man nur zusätzlichen Stress über den eigenen Zustand. Man muss akzeptieren: Mein Körper reagiert, weil dieses Spiel wichtig ist. Das ist normal.
Wie haben Sie diese Philosophie bei Bodö/Glimt verankert?
Anfangs arbeiteten wir individuell. Später sprachen wir in Gruppen offen über schwierige Situationen. Das war ungewohnt, da die Spieler kaum gewohnt waren, sich gegenseitig kritisches Feedback zu geben. Doch sie sahen den Nutzen. Heute übernehmen sie selbst Verantwortung für die Kultur – jeden Tag auf dem Trainingsplatz.
Ein anderer Bodö/Glimt-Fokus ist das Team, das Kollektiv. Dazu gehört, dass sie sogar mit mehreren Kapitänen arbeiten. Warum?
Das stammt aus meiner Zeit als Pilot. Bei einem Einsatz flog ich vorne, beim nächsten an vierter Position. Führung wurde rotiert und trainiert. Warum sollte es im Fußball nur einen Kapitän geben? Wir wollen viele Spieler, die Verantwortung übernehmen. Einer unserer Kapitäne ist unser zweiter Torwart, der kaum spielt, aber die Werte des Clubs vorbildlich lebt.
Bodö/Glimt hatte große Erfolge in den letzten beiden Jahren. Wird das Leben dadurch schwerer?
Die Gegner wissen heute mehr über uns. Wir haben bereits Champions-League-Erfahrung, und dadurch sind wir in Europa bekannter geworden. Die anderen Mannschaften analysieren uns besser und wissen, dass wir gute Spieler haben. Aber wir sind gleichzeitig auch besser geworden. Deshalb bin ich sehr gespannt, wie sich das entwickelt.
Was sagen Sie dem Team vor einem solchen Spiel wie jetzt beim FC Bayern?
Wir glauben an Routinen. Wenn man plötzlich alles anders macht, nur weil es ein besonders wichtiges Spiel ist, erzeugt man zusätzlichen Stress. Stattdessen sprechen die Spieler miteinander: Wovor habt ihr gerade Angst? Was denkt ihr? Wie fühlt ihr euch? Dann stellt man fest, dass diese Gefühle normal sind und viele sie haben. Und anschließend kehrt man zu unserer Philosophie zurück: Konzentriere dich auf die Dinge, die du beeinflussen kannst.
INTERVIEW: PATRICK REICHELT