„Wie bleiben wir relevant?“

von Redaktion

Leichtathletik-Boss Sebastian Coe erzählt, wie er den Sport in die Zukunft führt

Präsident Sebastian Coe mit unserem Reporter Nico-Marius Schmitz.

Sebastian Coe beweist auch lange nach seiner aktiven Karriere Ausdauer. Der ehemalige Mittelstreckenläufer (vier olympische Medaillen) ist seit 2015 Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes. Unsere Zeitung hat vor dem Start der Ultimate Championship mit dem 69-Jährigen über die Zukunft des Sports gesprochen.

Herr Coe, was erhoffen Sie sich von dem neuen Format für die Leichtathletik?

Ich hoffe, dass es das Beste unserer Athleten zeigt. Das ist immer mein oberstes Ziel. Das wichtigste Werbemittel, das wir haben, sind die Athleten. Zudem hoffe ich, dass wir einiges aus diesen Tagen lernen. Wir wollten Elemente von der Ultimate Championship auch in Weltmeisterschaften und die Olympischen Spiele implementieren. Wir haben den Fans und Athleten zugehört: Was mögen sie an unserem Sport? Was mögen sie nicht? Ich hoffe, dass wir hier die Essenz davon mit diesem Format einfangen können. Danach werden wir uns zusammensetzen und die schwierige Entscheidung treffen, welche Elemente eine Weltmeisterschaft noch attraktiver machen können.

Die Ultimate Championship ist schnell und bunt, für Social Media geeignet. Wie wichtig ist diese Erzählweise des Sports, um junge Menschen zu begeistern?

Storytelling ist alles. Es geht darum, die Reise der Athleten über die ganze Saison verfolgen zu können. Das müssen wir einfangen. Und eben nicht nur die Leistungen im Stadion. Mondo Duplantis ist ein großartiges Beispiel. Ich wusste lange nicht, dass seine Passion, wenn er nicht gerade Weltrekorde bricht, das Schreiben von Liedern ist. Das sind Geschichten, die Emotionen erzeugen. Amy Hunt spielt Cello, geht gerne in Opern, hat Literatur in Cambridge studiert. Es geht also nicht nur um Höhen oder Zeiten. Sondern um Gefühle, um Geschichten. Dadurch entsteht eine Identifikation bei den Fans.

Es wird Fans geben, die sagen, dass es zu viel Innovation, zu viel Show ist.

Aktivität ist Sport, das Geschäft ist Entertainment. Wenn man einen guten Verband hat, kann man diese beiden Dinge miteinander verbinden. Wir müssen akzeptieren, dass wir in einer Welt leben, in der Sport von vielen verschiedenen Einflüssen geprägt wird: Mode, Kultur, Musik, Kunst, Essen. Jede Sportart, die glaubt, nicht Teil dieser Landschaft zu sein, wird wahrscheinlich vom Markt verschwinden – und verdient es wahrscheinlich auch, vom Markt zu verschwinden. Ich habe zuletzt ein Wochenende beim eSports-Weltcup in Paris verbracht. Das ist eine außergewöhnliche Welt, in der es nicht um Bewegung geht. Aber eine Welt, die junge Menschen anzieht. Eine Welt, vor der wir uns nicht verschließen dürfen. Sport muss in dieser Landschaft stattfinden. Die Unterhaltungsbranche nutzt den Sport auf kreativere Weise, als der Sport die Unterhaltung nutzt.

Nächste Woche werden die Weltmeisterschaften 2029 und 2031 vergeben. Auch München hat sich als Ausrichter beworben.

Ich habe beste Erinnerungen an München. Wir sind sehr glücklich, dass unser Sport so attraktiv ist, mehrere potenzielle Ausrichter rund um die Welt anzuziehen. Das ist wirklich ein starkes Bewerberfeld. Wir haben ein Bewertungsgremium, wir haben einen Rat – und wir haben einen Präsidenten, der kein Stimmrecht hat (lacht). Ich bin also sehr gespannt auf das Ergebnis.

Sie galten als einer der Favoriten auf die Nachfolge von Thomas Bach als IOC-Präsident. Schlussendlich siegte Kirsty Coventry. Wie blicken Sie auf die Olympische Bewegung?

Die größte Herausforderung für die Olympische Bewegung ist dieselbe, die wir als Leichtathletik-Weltverband auch haben. Wie ziehen wir eine neue Generation an Sportfans an, ohne die traditionellen Fans zu verlieren? Die grundlegende Frage für jede Sportorganisation sollte sein: Wie bleiben wir aufregend, interessant und relevant im Leben junger Menschen? Die Olympische Bewegung hat eine neue Führung, und ich unterstütze diese Führung sehr gerne. Die Initiative „Fit for the Future“ gibt Kirsty Coventry den Raum, zu entscheiden, wie die Zukunft der Olympischen Spiele gestaltet werden soll. Sie bringt frischen Wind in die Organisation, ihre eigenen Ideen.

INTERVIEW: NICO-M. SCHMITZ

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