ZUM TAGE
Aufhören, wenn‘s am schlimmsten ist
Ronaldos Portugal-Abgang
Um zu prognostizieren, dass Portugal ein Ronaldo-Problem hat, musste man sich nach der ersten Nominierung des neuen Trainers Jorge Jesus nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen. Aber die wenigsten hätten darauf getippt, dass sich die Never-Ending-Story um den nimmermüden fünfmaligen Weltfußballer so entwickelt, wie sie es seit letzter Woche getan hat. Was man dachte: Der neue Trainer verpasst die Chance zu einem echten Neuanfang, wird seinen guten alten Bekannten Ronaldo aus Nostalgie- und Vernunftgründen jüngeren Spielern vorziehen. Eingetreten ist aber genau das Gegenteil. Javas agiert nach dem Motto: Möge der Bessere spielen! 234 Länderspiele, und 146 Tore hin oder her.
Natürlich wünscht man niemandem ein Ende wie jenes, das Ronaldo am Mittwoch eingeläutet hat. Aber abgesehen von dem Fakt, dass auch nur wenige andere Stars zu einem derart theatralischen wie beleidigten Abflug im Privatjet imstande wären: Ganz unschuldig an all dem Schlamassel ist der 41-Jährige sicherlich nicht. Die Diskussion, wie viel Ertrag er dem portugiesischen (One-Man-)Team noch bringen kann, hat schon die letzten seiner jeweils sechs WM- und EM-Teilnahmen begleitet. Und hat er bis zuletzt mit zumindest punktuell starken Leistungen noch Argumente auf seiner Seite gehabt, hat er den Zeitpunkt zu einem großen Abschied dennoch mehrfach verpasst.
Nun gehen die 60 gespielten Minuten im Nations-League-Gruppenspiel gegen Wales als wohl letzter Tanz von Ronaldo in die Geschichte des Weltfußballs ein. Seiner Karriere würdig ist das nicht. Aber es bestätigt nur, was in der Branche immer wieder sichtbar wird: Der Umgang mit verdienten Spielern wird mit zunehmend lauter tickender Uhr immer schwieriger. Monatelange Diskussionen um Thomas Müller und Manuel Neuer beim FC Bayern, Rückholaktionen von Müller, Jérôme Boateng, Mats Hummels oder Toni Kroos im DFB-Dress: Wie man’s macht, macht man’s verkehrt. Außer man ist Philipp Lahm. Er hat die Bühne mit 30 Jahren den anderen überlassen. Ohne damals schon das Ass im Ärmel zu haben, das Ronaldo jetzt hat: Ronaldo Jr.