Rosenheim – Angelika Lohberger hat in den vergangenen Wochen so einiges erlebt. Gemeinsam mit ihrem Mann Hubert betreibt sie die gleichnamige Metzgerei am Salzstadel. Und das schon seit vielen Jahren. Doch seit dem Sommer habe sich die Situation dort grundlegend geändert. „Das Aggressionspotenzial ist sehr hoch“, sagt sie.
Ihre Kunden seien schon angepöbelt und sexuell belästigt worden. Immer wieder würden leere Flaschen gegen die Hausmauer geworfen. Die Folge: Glasscherben, die überall verstreut sind. Es gebe Schlägereien, Menschen, die sich anschreien. Im Hinterhof haben sie bereits Bierflaschen, Glasscherben und Jointstummel gefunden. Aber auch urinverspritzte Wände und Erbrochenes. „Der Salzstadel ist zum Stachus von Rosenheim geworden“, fügt Hubert Lohberger hinzu.
Ein Ortstermin mit OB
hat bereits stattgefunden
Kundenbeschwerden habe es bislang keine gegeben, trotzdem wollen die beiden die Situation so nicht mehr länger hinnehmen. Neu ist das Problem nicht. Mehrere Anwohner und Nachbarn hatten sich bereits an die Verwaltung gewandt, ein erster Ortstermin mit Oberbürgermeister Abuzar Erdogan fand bereits statt. Ein weiterer ist für Oktober angesetzt.
„Alle Beteiligten sind sich einig, dass sich die Situation schnellstmöglich verbessern muss“, hieß es dazu bereits aus dem Rathaus. Streetworker seien inzwischen im Einsatz, die Polizei werde das Cannabisverbot noch stärker kontrollieren. Darüber hinaus bereite die Stadtverwaltung weitere Schritte in Richtung eines Alkoholverbots am Salzstadel vor.
„Es wäre ein wichtiger Schritt“, sagt Angelika Lohberger. Allerdings kann sie nicht nachvollziehen, weshalb eine Umsetzung so viel Zeit in Anspruch nimmt. „Während der Corona-Zeit wurden die Hinweisschilder zur Maskenpflicht über Nacht aufgestellt“, sagt sie. Ähnlich schnell sollte es in ihren Augen bei der Einführung einer drogen- und alkoholfreien Zone gehen.
„Ich traue mich nach Feierabend nicht mehr alleine mit der Kasse ins Büro“, sagt sie. Zu oft gebe es Zwischenfälle. „Das Publikum ist ein anderes, die Mentalität sowieso“, sagt Angelika Lohberger.
Schon jetzt habe sie aufgrund der aktuellen Situation erste Konsequenzen gezogen. Die Aktion „Brot am Brett“ etwa wurde eingestellt. Seit zehn Jahren haben Kunden der Metzgerei hier die Möglichkeit, Gutes zu tun. Interessierte können also zum Beispiel eine Leberkäse-Semmel fürs Brett kaufen. Der Einkauf wird bezahlt, statt der Semmel gibt es einen Kassenbeleg. Dieser Beleg wird ans Brett gehängt. Nun kann sich jemand, der sich vielleicht keine Leberkäse-Semmel leisten kann, den Kassenzettel nehmen und sich an der Theke die Semmel geben lassen.
„Das Angebot wurde nicht mehr von den Menschen genutzt, für die es gedacht war“, sagt Angelika Lohberger. Also musste sie das Projekt schweren Herzens einstellen. Auch bei dem Angebot „Nette Toilette“ sei man mittlerweile vorsichtiger geworden. Ein Aufkleber an der Tür der teilnehmenden Betriebe signalisiert, dass diejenigen, die in der Stadt unterwegs sind und dringend auf die Toilette müssen, dort Erlösung finden.
„Wir schauen jetzt schon genauer hin, wer unsere Toilette nutzt“, sagt Angelika Lohberger. Zwar sei vor einigen Tagen ein Dixie-Klo am Salzstadel aufgestellt worden, dennoch sei die Nachfrage im Laden groß. „So, wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen.“ Dieser Meinung ist auch Dr. Thomas Chmelitschek. Der Zahnarzt lebt seit 2025 am Salzstadel. „Es gibt viele schreiende Menschen, meist über mehrere Stunden“, sagt er am Telefon. Viele seien alkoholisiert oder berauscht.
In der Ruedorffer-Passage, auf dem Weg zum dortigen Supermarkt, habe er schon des Öfteren Fäkalien oder Erbrochenes gesehen. Auch er berichtet von einem Uringeruch, der in der Luft liegt. „Für die Anwohner ist das natürlich eine ungute Situation“, sagt Chmelitschek. Hinzu kommt, dass rund um den Salzstadel ein „Klima von Unsicherheit“ herrscht. „Jeder senkt seinen Blick, um nicht in unangenehme Situationen verwickelt zu werden“, sagt er.
Hoffnung auf
schnelle Lösung
Welche Maßnahme helfen würde, um die Situation zu verbessern, weiß er nicht. Er erinnert daran, dass ein Alkoholverbot auch den zahlreichen Veranstaltungen am Salzstadel entgegenstehen könnte. „Vorstellbar wäre stattdessen ein Alkohol- oder Drogenkonsumraum, den die Stadt an einem weniger belebten Ort einrichten könnte“, sagt er am Telefon. Er hofft, dass zeitnah etwas passiert. „Es ist wahnsinnig schade, weil der Salzstadel so schön belebt wurde und die Stadtbibliothek das gesamte Areal aufgewertet hat. Die jetzige Entwicklung ist das genaue Gegenteil von dem, was gewollt war“, fügt der Mediziner hinzu.