Rosenheim – Während andere Kommunen im ÖPNV den Rotstift ansetzen und Linien streichen müssen, schaut man beim Stadtverkehr Rosenheim nach vorne. Rund zwei Millionen Fahrgäste sind jährlich in den 28 Bussen des Fuhrparks unterwegs. Im Gespräch mit dem OVB verrät Stadtverkehr-Chef Tobias Weiß, wie der Fahrermangel erfolgreich gelöst wurde, wann flächendeckend neue Wartehäuschen kommen und unter welchen Bedingungen die Rosenheimer bald auch sonntags mit dem Bus fahren können.
Wie viele Fahrgäste haben Sie pro Jahr?
Tobias Weiß: Wir sind derzeit bei circa zwei Millionen Fahrgästen. Aktuell werden alle Fahrgäste von unseren Fahrern händisch gezählt. Das ist sehr zeitaufwendig, aber hier wollen wir nachjustieren. Wir sind froh, dass uns die Stadt bei allem unterstützt und bei den Entscheidungen komplett hinter uns steht.
Und das, obwohl der ÖPNV eine freiwillige Aufgabe ist und damit keine Selbstverständlichkeit.
Weiß: Korrekt. Wir stehen immer wieder in Kontakt mit anderen Städten. Erst kürzlich habe ich von einem Kollegen erfahren, dass es in seiner Stadt keinen genehmigungsfähigen Haushalt gibt. Das hat zur Folge, dass gespart werden muss. Dort werden jetzt etliche Linien gestrichen. Das ist in Rosenheim zum Glück nicht der Fall. Im Gegenteil. Wir überlegen eher, wo wir unser Netz noch optimieren können.
Die heißen Tage liegen hinter uns. Trotzdem die Frage: Wann kommen die Klimaanlagen in den Bussen?
Weiß: Das steht auf unserer Liste. Wir werden aber keine Busse nachrüsten, das rentiert sich einfach nicht. Bei jedem Neukauf eines Fahrzeugs werden wir aber darauf achten, dass eine Klimaanlage vorhanden ist. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wir haben bereits einige Busse, die mit einer Vollklimaanlage ausgestattet sind.
Zum Stadtverkehr gehören 28 Fahrzeuge, einige davon sehen ziemlich alt aus.
Weiß: Das jüngste Fahrzeug in unserem Fuhrpark hat eine Erstzulassung von 2019. Die ältesten Fahrzeuge stammen aus dem Jahr 2012. Fast alle Busse sind im Schnitt zwischen acht und zehn Jahre alt. Einige haben mehr Kilometer drauf, andere weniger. Busse, die nur in der Stadt unterwegs sind, können in der Regel länger fahren. Unser Glück ist es, dass wir eine eigene Werkstatt haben und unsere Busse so schnell und günstig reparieren können.
Im vergangenen Jahr haben zig Busfahrer gefehlt.
Weiß: Das ist zum Glück kein Problem mehr. Alle Stellen sind besetzt. Wir helfen zudem bei der Wohnungssuche und bieten Busfahrern aus dem Ausland Deutschkurse an, damit es auch mit der Verständigung klappt. Das wird sehr gut angenommen. Viele unserer Fahrer identifizieren sich mit dem Unternehmen.
Seit einigen Monaten gibt es an zahlreichen Haltestellen Bildschirme, an denen die Abfahrzeiten in Echtzeit angezeigt werden.
Weiß: Wir haben circa 222 Haltepunkte, knapp 100 haben wir bereits mit Bildschirmen ausgestattet. Die restlichen folgen im kommenden Jahr. Alle sechs Sekunden wird die Anzeige im Hintergrund aktualisiert. Dadurch werden auch Verspätungen angezeigt. Zudem gibt es an den Bildschirmen auch einen Vorleseknopf, mit dem sich sehbehinderte Fahrgäste die Informationen ganz einfach ansagen lassen können.
Zwei Bildschirme wurden bereits zerstört.
Weiß: Korrekt, darüber haben wir die Fahrgäste auch in den sozialen Medien informiert. Zum Glück ist es bei den zwei Bildschirmen geblieben. Derzeit warten wir hier auf die Tauschgeräte. Die haben aber leider eine Produktionszeit von drei Monaten, deshalb geht es nicht ganz so schnell, wie wir es uns wünschen würden. Einige Bildschirme funktionieren auch nicht. Auch hier stehen wir mit dem Hersteller bereits in Kontakt. Bis dahin setzen wir vorerst wieder auf die alten Fahrplankästen, die wir zum Glück noch nicht entsorgt haben (lacht).
Auch am Busbahnhof gibt es mit den Anzeigen immer wieder Probleme, oder?
Weiß: Schuld daran, ist tatsächlich der Stromausfall im Juli. Die Sicherung ist komplett durchgebrannt, derzeit funktionieren deshalb nur vier von zwölf Anzeigen. Weil sich eine Reparatur der Module nicht mehr lohnt, haben wir neue bestellt. Das Problem sollte also zeitnah behoben werden. Gleiches gilt übrigens auch für die Anzeige am Steig 1.
Da, wo das Glas zersprungen ist?
Weiß: Genau. Ein Reisebus ist aus Versehen gegen die Anzeige gefahren. Eine weitere Anzeige am Oberbahnamt ist ebenfalls kaputt. Wir vermuten, dass diese von ein paar Betrunkenen eingeschmissen wurde. Seit November versuchen wir hier, eine Lösung zu finden. Nachdem wir mit den Versicherungen alles geklärt hatten, haben wir uns sofort um die Bestellung gekümmert. Allerdings werden die großen Anzeiger in Polen produziert, die Lieferzeit beträgt sechs Monate. Die sind aber fast rum.
Wie teuer ist eine solche Anzeige eigentlich?
Weiß: Der neue Anzeiger und das neue Glas kosten knapp 25.000 Euro.
Am Atrium und in der Stadtmitte funktionieren die Anzeigen ebenfalls nicht.
Weiß: Auch dieses Problem ist uns bekannt. Hier haben wir, gemeinsam mit dem MVV, große Übersichtsanzeigen bestellt.
Kritik gibt es immer wieder an den fehlenden Sitzmöglichkeiten.
Weiß: Auch hier sind wir dran. Im kommenden Jahr sollen alle Haltestellen mit Sitzplätzen, einem kleinen Dach und einem Mülleimer ausgestattet werden. Ein Großteil des vorhandenen Mobiliars ist in die Jahre gekommen und sieht nicht mehr schön aus. Das wird ausgetauscht.
Wann kommt eigentlich der Busverkehr am Sonntag?
Weiß: Derzeit laufen entsprechende Planungen und Überlegungen. Es gibt etliche Ideen, aber wir dürfen auch die Wirtschaftlichkeit nicht aus den Augen verlieren. Fest steht, dass sonntags nur ein reiner Freizeitverkehr stattfindet. Das kann man sich leisten, muss es aber nicht. Aber sollte sich das Gremium für einen Sonntagsverkehr aussprechen, bräuchten wir nicht nur zusätzliche Busse, sondern auch mehr Fahrer.
Einen ersten Test gibt es jetzt während der Herbstfest-Zeit.
Weiß: Genau. Wir setzen heuer wieder auf den Promilleexpress. Die Nachtlinien werden abends verlängert. Auf vielen Abschnitten sind die Busse damit in den Nächten von Donnerstag auf Freitag und von Freitag auf Samstag rund um die Uhr unterwegs. Zusätzlich sind dieses Jahr auch am Sonntag zwischen 11 und 23 Uhr die Nachtlinien im Einsatz.
Wie groß war der Aufwand, das auf die Beine zu stellen?
Weiß: Es ging. Es sind am Ende des Tages nur drei Sonntage. Die zusätzlichen Fahrten können wir mit unserem Personal gut stemmen.
Eine Neuheit in den Bussen ist auch das WLAN.
Weiß: Ja, das kann man ruhig noch einmal hervorheben, auch wenn in der heutigen Zeit natürlich die meisten Menschen genügend Datenvolumen haben. Derzeit läuft der Einbau einer neuen Innenraumüberwachung. Da investiert die Stadt einen mittleren sechsstelligen Betrag. Über dieses System soll zukünftig dann auch die Fahrgastzählung laufen.
Wieso braucht es Kameras in Bussen?
Weiß: Es hat hauptsächlich einen versicherungstechnischen Hintergrund, soll aber auch dabei helfen, das subjektive Sicherheitsgefühl zu stärken.
Für etwas Aufregung hat die Nachricht über das ticketlose System VGR-Tap gesorgt.
Weiß: Fahrgäste können auch weiterhin ihren Fahrschein beim Fahrer kaufen. Auch der Vordereingang kann weiterhin wie bisher genutzt werden. Der VGR-Tap ist vielmehr ein zusätzliches Angebot. Man kann jetzt nicht mehr nur mit Bargeld bezahlen, sondern auch mit Kredit- oder Bankkarte.