600 Rosenheimer ohne Dach über dem Kopf

von Redaktion

Interview Robert Schmid von der Diakonie zur Situation der Obdachlosen in Rosenheim

Rosenheim – Die Zahlen der Wohnungsnotfallhilfe sind alarmierend: Über 600 Menschen in Rosenheim haben aktuell kein festes Dach über dem Kopf – und die Tendenz steigt. Die Notunterkünfte der Diakonie sind fast dauerhaft voll belegt. Längst trifft es Menschen, an die man zunächst gar nicht denken würde, etwa junge Erwachsene und pflegebedürftige Senioren. Wie dramatisch die Lage wirklich ist, erklärt Bereichsleiter Robert Schmid von der Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie Rosenheim.

In Rosenheim gibt es über 600 wohnungslose Menschen. Wie schätzen Sie diese Zahl ein?

Robert Schmid: Tendenziell dürften die Zahlen leider steigen. Deutschlandweit gibt es nach Erhebungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe über eine Million wohnungslose Menschen. Dabei ist eine hohe Dunkelziffer zu berücksichtigen. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Bei den 600 Personen in Rosenheim gibt es aber auch sogenannte Fehlbeleger. Das sind Bürger mit einem ausländischen Status, die zwar einen Aufenthaltstitel haben, aber einfach keine Wohnung finden. Sie tauchen ebenfalls in der Statistik auf.

Die Diakonie betreibt viele Unterkünfte. Gibt es überhaupt noch freie Plätze?

Schmid: Seit einigen Jahren haben wir eine Unterkunft speziell für wohnungslose Frauen, um ihnen einen besseren Schutz- und Rückzugsraum zu bieten. Dort haben wir aktuell noch ein paar Plätze frei. Das kann sich aber von Woche zu Woche ändern. Zieht jemand aus, ist der Platz schnell wieder belegt. Beim Wohnungsamt gibt es eine lange Liste mit Personen, die noch nicht untergebracht werden konnten.

Was passiert, wenn alles voll ist?

Schmid: Die Stadt und jede Kommune sind gesetzlich verpflichtet, Menschen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können. Obdachlose haben einen rechtlichen Anspruch auf Unterbringung und die Stadt Rosenheim kommt dieser Unterbringungsverpflichtung auch nach. Wenn die Unterkünfte voll sind, wäre der nächste Schritt eine Unterbringung in Pensionen, Hotelzimmern oder durch Containerlösungen.

Wie hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verändert?

Schmid: Dass unsere Unterkünfte nahezu dauerhaft voll belegt sind, gab es früher so nicht. Früher lag die geplante Aufenthaltsdauer bei vier Monaten. Das ist der Sinn einer Notunterkunft: Die Menschen sollen schnell wieder in ein normales Mietverhältnis finden.

Mit Blick auf den aktuellen Wohnungsmarkt kein einfaches Unterfangen.

Schmid: Genau das bemerken wir auch. Auch in den Zeitungen gibt es kaum noch Wohnungsanzeigen. In der Stadt haben wir noch sozial geförderten Wohnraum. Personen können einen Wohnberechtigungsschein beantragen. Sie gelangen über diesen Weg an eine Wohnung und können die Notunterkunft verlassen. Andere vermitteln wir in eine stationäre Hilfsmaßnahme, also beispielsweise in eine Pflegeeinrichtung.

Unsere Gesellschaft altert, die Armut steigt. Landen immer mehr Senioren auf der Straße?

Schmid: Wir haben immer wieder Personen mit hohem Pflegebedarf bei uns. Das übersteigt aber unsere Möglichkeiten, da wir keine Pflegefachkräfte im Team haben. Wir müssen dann schnell versuchen, diese Menschen in einem Pflegeheim unterzubringen. In der Vergangenheit kam es leider sogar vor, dass pflegebedürftige Menschen einfach bei uns abgegeben wurden. Da mussten wir dann die Polizei einschalten.

Rutschen eher jüngere oder ältere Menschen in die Wohnungslosigkeit?

Schmid: Es ist bunt durchmischt. Es landen aber immer wieder junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren in den Gemeinschaftsunterkünften. Dass sie dort nicht gut aufgehoben sind, dürfte jedem klar sein. Daher arbeiten wir an einem neuen, speziellen Angebot für diese Altersgruppe.

Wie werden Sie überhaupt auf die Menschen aufmerksam?

Schmid: Seit einem Jahr läuft unser Streetwork-Projekt sehr erfolgreich. Die Sozialarbeiter sprechen die Menschen direkt auf der Straße an und bauen Vertrauen auf. Zudem arbeiten wir eng mit Fachstellen zusammen, die Menschen an uns weitervermitteln. Eine Erstberatung gibt es bei uns in der Königsseestraße 15.

Dort befindet sich auch die Herberge für obdachlose Menschen. Wie ist dort die Lage?

Schmid: Richtig. Dort haben wir derzeit Platz für acht Menschen, die einen Schlafplatz für die Nacht brauchen. Da der Bedarf so groß ist, soll die Herberge zeitnah auf 20 Plätze erweitert werden. Der Bauantrag läuft bereits. Bis dahin versuchen wir jedem, der Hilfe sucht, einen Schlafplatz zu beschaffen. Ausgenommen sind Personen mit einem Hausverbot.

Das gibt es?

Schmid: Ja, wir haben eine Liste mit Hausverboten. Wer gegenüber Mitbewohnern oder unseren Mitarbeitern gewalttätig wird, muss gehen. Darüber können und werden wir nicht hinwegsehen.

Welche Gründe führen heute hauptsächlich in die Obdachlosigkeit?

Schmid: Arbeitslosigkeit, schwere Krankheiten, familiäre Schicksalsschläge oder Trennungen. Auch psychische Erkrankungen sind oft ein Grund, warum Menschen ihre Wohnung verlieren. Die Diakonie bietet hierfür ein ambulant betreutes Wohnen für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen an.

Wie sieht es eigentlich mit Familien aus?

Schmid: Auch Familien können abrutschen. Häufig sind die Gründe hierbei Kündigungen wegen Mietschulden und wegen Eigenbedarfs. Wir betreiben deshalb eine eigene Unterkunft für Familien, und auch die Stadt stellt kleinere Wohneinheiten bereit.

Bald wird es wieder kälter. Müssen Sie sich auf einen Winter-Ansturm einstellen?

Schmid: Bei den Belegungszahlen sehen wir eigentlich keinen Unterschied zum Sommer – im Hochsommer ist bei uns genauso viel los. Für den Winter hat die Stadt vor ein paar Jahren den Kälteschutz ausgebaut. Diese zusätzlichen Plätze öffnen in den kalten Monaten, damit in Rosenheim auch wirklich niemand auf der Straße schlafen muss.

Anna Heise

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