Die „Todesnacht von Stammheim“ jährt sich am 18. Oktober zum 40. Mal. Damals nahmen sich die RAF-Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe im Hochsicherheitstrakt des Stuttgarter Gefängnisses das Leben. Bis heute halten sich hartnäckige Gerüchte, der Staatsschutz habe bei den Suiziden seine Finger im Spiel gehabt. Mit „Der rote Schatten“ zeigt die ARD am Sonntag um 20.15 Uhr einen „Tatort“ aus Stuttgart um das Ermittlerduo Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare), in dem Regisseur Dominik Graf die Ereignisse noch einmal aufrollt. Im Interview spricht der 65-Jährige über die langen Schatten der Vergangenheit.
-Ihr Fernsehfilm verknüpft Gegenwart mit „Deutschem Herbst“ vor 40 Jahren und berücksichtigt auch noch das Schicksal der RAF-Rentner. Sprengt das nicht das „Tatort“-Format?
Nein, im Gegenteil. Ich habe den „Tatort“ nie nur als Mördersuche angesehen. Der Polizeifilm bewältigt international seit Jahrzehnten ganz andere Herausforderungen, er greift zeitgeschichtliche Themen oder komplexe Politdramen auf. „Der rote Schatten“ war vom ersten Tag an als Thriller gedacht, der die Kommissare auch mit den Untiefen des eigenen ermittelnden Staatsapparats konfrontiert. Der Polizeithriller kann – wenn man ihn lässt – krakenhafte Auswüchse einer Gesellschaft erzählen, die in die Hochpolitik genauso wie in die Historie reichen können.
-Aber hätte sich für eine so komplexe Handlung nicht eher ein zweiteiliger Fernsehfilm angeboten?
Nein, denn die Geschichte geht von den Kommissaren aus. Auslöser ist ein verzweifelter Mann, der seine tote Frau durch die Gegend fährt, und die Kommissare sollen herausfinden, warum er das tut. Es gibt also, wie sich das für den „Tatort“ gehört, nach wenigen Minuten die erste Leiche. Von diesem Anfang aus entwickelt sich die Geschichte wie ein Atompilz in Zeitlupe, gerade das fand ich spannend. Als Zweiteiler oder Fernsehfilm hätte mich das Projekt weniger interessiert, weil dann sicher die polizeiliche Ermittlung reduziert worden wäre.
-„Der rote Schatten“ ist der Beitrag der ARD zum „Deutschen Herbst“. Hat das Ihren Respekt vor dem Stoff noch mal vergrößert?
Wir hatten neben dem spannenden Thriller durch die sehr besondere Story auch die Verantwortung, die Ereignisse des Jahres 1977 mental umfassender zu erzählen, so wie das im Film der ältere Kommissar Lannert seinem jungen Kollegen Bootz erläutert. Das war damals ein Krieg zwischen zwei Generationen, und dieser Krieg wurde ab einem bestimmten Zeitpunkt mit Militanz und mörderischer Aggression ausgetragen. Es gab auf beiden Seiten Recht und Unrecht, und es gab diesen Graubereich, den der Film zu schildern versucht – die permanenten Bemühungen des Staates, sich in die RAF hineinzumauscheln, die Absprachen und unterirdischen Verbindungen, die bis heute im Verborgenen geblieben sind. Da drängt sich die Vermutung auf, dass sich hinter den bekannten Tatsachen noch ganz andere Fakten verbergen. Wenn man sich intensiv mit dem Stoff befasst, stößt man ständig auf Geheimtüren, die einem gleich wieder vor der Nase zugeknallt werden.
-In der Schlüsselszene wird die „Todesnacht von Stammheim“ rekonstruiert, ein echter Gänsehautmoment. Ist das nicht die eigentliche Geschichte des Films?
Nein, denn genau darin besteht doch die große Chance des Polizeithrillers: Er kann vom Verschwinden eines Haustiers ausgehen und am Ende im Innenministerium landen. Das hat mich an ausländischen Polizeifilmen immer fasziniert: Am Anfang steht vielleicht eine winzige Begebenheit, ein Zufall, ab der Mitte fliegt man in einen brisanten Themenkosmos, und die Polizisten stellen fest, dass sie ganz persönlich in die Ereignisse verwickelt sind, ohne es gewusst zu haben. Genau das erwarte ich von solchen Geschichten. Die Kommissare werden selbst auf die Probe gestellt und müssen sich am Ende fragen, auf welcher Seite sie stehen.
-Es gibt Produzenten, deren Puls noch heute schneller schlägt, wenn sie an die Zusammenarbeit mit Ihnen zurückdenken. Wie war das beim „Tatort“?
„Der rote Schatten“ war trotz der finanziell überdurchschnittlichen Ausstattung ein sehr kompliziertes Projekt für seine 23 Drehtage, aber ich habe die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Jochen Laube als Idealfall erlebt. Wir haben uns bei Fragestellungen und Antwortmöglichkeiten perfekt ergänzt und auf diese Weise alle Engpässe bewältigt. Das klappt nicht immer so reibungslos. Es kann zu wirklichen Verwerfungen kommen, wenn einer die Filmherstellung als Machtkampf begreift und für die Kontrolle über Regisseur oder Autor auch Beschädigungen am Projekt in Kauf nimmt. Ich habe in dieser Hinsicht mehrfach totales Misstrauen zwischen Produzent und Regisseur erlebt. Bei Jochen Laube wusste ich dagegen sehr schnell, dass wir das zusammen schaffen, wobei ich „zusammen“ dreimal unterstreichen möchte. Er war permanent am Drehort und hat sich für jede Entwicklung brennend interessiert. Für mich war das eine der kreativsten Arbeiten mit einem Produzenten.
Das Gespräch führte Tilmann P. Gangloff.