„Den Bildschirm zur Verbrechensbekämpfung einzusetzen, meine Damen und Herren, das ist der Sinn unserer neuen Sendereihe.“ Mit diesen Worten begann Eduard Zimmermann im Oktober 1967 die erste Ausgabe von „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Doch Zimmermann ging es um weit mehr als nur die Verbrecherjagd. Gemeinsam mit 17 weiteren Gründungsmitgliedern rief er im Jahr 1976 den Opferhilfeverein „Weißer Ring“ ins Leben. Über 40 Jahre später ist die gemeinnützige Organisation die bundesweit wichtigste Anlaufstelle für Opfer von Kriminalität in Deutschland.
Solche wie Sandra Kleiter-Tümmers. Vor elf Jahren wird die heute 44-jährige Krankenpflegerin auf dem Weg zur Arbeit von zwei Männern vergewaltigt. Unter Schock schleppt sich die zweifache Mutter zum Dienst, duscht – und macht weiter wie immer. „Ich habe funktioniert wie ein Roboter“, sagt Kleiter-Tümmers, die heute als ehrenamtliche Opferhelferin für den „Weißen Ring“ arbeitet. Wie auf Autopilot sei sie bis zum Zusammenbruch durch den Tag gestolpert. „Für Außenstehende ist so ein Verhalten schwer nachvollziehbar. Mir aber helfen meine traumatischen Erfahrungen heute, mich in die Gefühlswelt von Opfern hineinzuversetzen“, sagt Kleiter-Tümmers im Interview mit unserer Zeitung.
-Wie ist der erste Kontakt zum „Weißen Ring“ entstanden?
Nach der Vergewaltigung stand ich völlig unter Schock. In dieser Situation hat ein Bekannter glücklicherweise den „Weißen Ring“ aktiviert.
-Und die Mitarbeiter konnten Ihnen helfen?
Ich habe mich unmittelbar nach der Tat abgekapselt und war überfordert. Mir hat sehr geholfen, dass jemand kam, der zuhörte, mich bei der Hand nahm und praktische Hilfe bei Behördengängen leistete. Es gibt ja eine Menge zu tun: Ärztliche Gutachten müssen erstellt und Anträge ausgefüllt werden. Ich war einfach froh, jemanden an meiner Seite zu haben, der sich damit auskennt. Alleine hätte ich das in meinem damaligen Zustand nicht geschafft.
-Heute sind Sie selbst Opferhelferin. Werden Sie dadurch nicht immer wieder mit dem eigenen Trauma konfrontiert?
Ich kann mich mittlerweile ganz gut abgrenzen. Mir war wichtig, dass ich etwas von dem zurückgeben kann, was ich selbst erfahren habe. Außerdem habe ich durch die Ausbildung zur Opferhelferin gelernt, mit meinen eigenen Ängsten besser umzugehen. Die Erkenntnis, dass du nicht der einzige Mensch auf der Welt bist, dem so etwas Schlimmes passiert, ist tröstlich.
-Der „Weiße Ring“ beschäftigt über 3000 ehrenamtliche Opferhelfer. Welche Voraussetzungen muss man für dieses Amt mitbringen?
Mitgefühl und Menschlichkeit sind in der Arbeit mit Opfern auf jeden Fall wichtig, Mitleid nicht. Wenn man angesichts der wirklich heftigen Verbrechen, mit denen wir oft konfrontiert werden, zusammenbricht, ist damit keinem geholfen. Die Opfer brauchen niemanden, der mit ihnen weint, sondern jemanden, der ihnen hilft.
-… und sie aufklärt. Viele Betroffene wissen gar nicht, welche Rechte sie haben.
Wie auch? Als Opfer einer Straftat gerät man ja in eine nie dagewesene Notlage. Was muss ich tun, wenn mich mein Trauma arbeitsunfähig macht? Welche Entschädigungen stehen mir zu? Wo finde ich schnelle psychologische Hilfe, ohne monatelang auf einen Termin warten zu müssen? Alles Fragen, die wir Opferhelfer beantworten können. Hinter dieser Arbeit steht ein großer bürokratischer Aufwand, den Menschen in Notsituationen kaum leisten können.
Das Gespräch führte
Astrid Kistner.