Die Angst vor dem Kontrollverlust

von Redaktion

Jeder gegen jeden, alle gegen Falschmeldungen – die Eröffnung der Medientage präsentierte das bekannte Bild der Branche

Von Rudolf Ogiermann

Fake News, Krise des Journalismus, Enthemmung im Netz, Dominanz der Internetriesen aus den USA – die Angst der Medienmacher vor dem Kontrollverlust stand wie eine unsichtbare Überschrift über dem Auftakt der diesjährigen Münchner Medientage am gestrigen Dienstag. Und so ohne die ganz große Konfrontation diese von Klaas Heufer-Umlauf mit eher schwergängigen Scherzen moderierte Veranstaltung in der Messe München auch verlief, so spürbar war doch die Angst der meisten Diskutanten, in der neuen Medienwelt von der Konkurrenz an die Wand gedrückt zu werden.

Allein Bayerns Medienministerin Ilse Aigner gab sich neben dem „Lass-es-den-Markt-regeln!“-Vertreter von Facebook in ihrem Grußwort eher entspannt, warnte in konventioneller Rhetorik vor der Gefahr von maschinenerzeugten Meinungen für die Demokratie, bezeichnete gute journalistische Recherche als unersetzlich und erinnerte daran, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk „zur Sparsamkeit verpflichtet“ sei. Position bezog sie allein in der Frage, ob aus dem Rundfunkbeitrag auch die Privatsender finanziert werden sollen, wie Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) und Gastgeber des dreitägigen Kongresses, angeregt hatte. Die CSU-Politikerin sprach sich klar dagegen aus.

RTL-Chefin Anke Schäferkordt präsentierte sich in ihrer Rede schon deutlich kämpferischer und belebte den schon historischen Konflikt um die Rundfunkfinanzierung neu. Die Marktverzerrung durch mehr als acht Milliarden Euro Rundfunkbeitrag für ARD und ZDF müsse „endlich eingedämmt“ werden, so Schäferkordt. Doch weder die Anstalten noch die Politik trauten sich an die notwendigen Veränderungen heran. Überdies sei es den Öffentlich-Rechtlichen künftig erlaubt, gebührenfinanzierte Inhalte den amerikanischen Plattformen zur Verfügung zu stellen. Dies sei „die Spitze der Wettbewerbsverzerrung“.

Dass die Internet-Monopolisten aus USA Milliarden umsetzen, während die klassischen Medien nach neuen Modellen suchen, ihre Inhalte gewinnbringend zu vermarkten, treibt auch Pro Sieben-Vorstandsmitglied Christof Wahl und Burda-Vorstandsmitglied Philipp Welte um. Fake News seien eine große Herausforderung für die Demokratie, so Welte, umso wichtiger sei die Frage, wie sich guter Journalismus finanzieren lasse. Welte wie Wahl ist ein Dorn im Auge, dass die EU die Erstellung von Nutzerprofilen zur Generierung individueller Angebote einschränken will. „Mit dieser Regelung zerschießt man den europäischen Medienanbietern die Knie und sagt dann: Lauf doch mal!“, so Welte. Auch Schäferkordt hatte zuvor die „ganz große Keule des Verbraucherschutzes“ angeprangert, die den Medienunternehmen das Leben schwer mache.

Aller Kritik aus den Reihen der Privaten zum Trotz setzt die ARD, vertreten durch deren Vorsitzende, MDR-Intendantin Karola Wille, auf die massive Präsenz im Netz. Entscheidend sei die Frage, wie man die Jungen erreichen könne, die dem linearen Rundfunk den Rücken kehrten und mehr und mehr im Internet unterwegs seien. Mit dem Jugendangebot Funk sei man auf dem richtigen Weg. Mit Angeboten wie diesem ließe sich eine „Qualität in der öffentlichen Kommunikation schaffen“, so Wille, und damit indirekt der Verbreitung von Fake News gegensteuern. Auch von der von den Verlegern jüngst kritisierten „Flut textbasierter Gratisangebote“ will Wille nicht lassen. Studien hätten ergeben, dass für die Konsumenten der Öffentlich-Rechtlichen im Netz Texte einfach dazugehörten.

Rückzug also ausgeschlossen – man will ja nicht die Kontrolle verlieren.

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