Dieser Krimi wird schon allein wegen seines Empörungspotenzials niemanden kalt lassen. Dreißig Jahre nach der Vergewaltigung der zum Tatzeitpunkt neunjährigen Vicky kann der Täter endlich überführt werden. Umso größer ist der Schock, als sich herausstellt, dass der Mann nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Das Gesetz, das eine Verjährung von derart schweren Sexualdelikten vorsah, ist zwar zwischenzeitlich reformiert worden, doch die Tat war schon vor dieser Änderung verjährt.
Zu allem Überfluss kommt es zu einem Rollentausch, als Vicky ihren einstigen Peiniger Piet Martens angreift – nun steht nicht der Täter vor Gericht, sondern das Opfer. Als der Mann schließlich spurlos verschwindet, gilt sie ebenso als verdächtig wie ihre Eltern. „Der Tod und das Mädchen“, zu sehen morgen um 20.15 Uhr bei Arte, ist der dritte Fall für den Amsterdamer Kommissar Bruno van Leeuwen (Peter Haber). Die ersten beiden Filme, inszeniert von Matti Geschonneck, sorgten bei ihrer Ausstrahlung im ZDF als Fernsehfilme der Woche für eine neue Farbe, bewegten sich aber im üblichen Rahmen. Hans Steinbichler setzt dagegen ganz andere Akzente. Der Regisseur hat herausragende Filme gedreht, darunter neben seinem Debüt „Hierankl“ unter anderem zwei wunderbare Werke mit Sepp Bierbichler („Winterreise“ und „Landauer – Der Präsident“) sowie mehrere sehenswerte Krimis. Gerade seine „Polizeiruf“-Episode „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ war bemerkenswert, und das nicht allein, weil der Film aus Jugendschutzgründen erst um 22 Uhr ausgestrahlt wurde.
„Der Tod und das Mädchen“ wirkt, als habe Steinbichler ein möglichst ungefälliges Werk drehen wollen. Als roter Faden dient das wechselweise von der kleinen und der großen Vicky gesungene Lied „Der Mond ist aufgegangen“, das voller grimmiger Ironie in der letzten Zeile eine Fürbitte für den „kranken Nachbarn“ enthält. Martens war und ist ein Nachbar von Vickys Eltern. Ein interessantes Stilmittel. Das Drehbuch stammt von Nicole Armbruster und basiert erstmals nicht auf einer konkreten Vorlage von Claus Cornelius Fischer.
Der Topos mit dem Verjährungsskandal ist eine ausgezeichnete Einführung, später bleibt allerdings die eine oder andere Frage unbeantwortet. Martens war keineswegs, wie das Kind damals der Polizei erzählt hatte, maskiert. Trotzdem hat sie nie verraten, wer ihr die furchtbaren Dinge angetan hat. „Sie hatte Angst“, sagt van Leeuwen. Wovor, wird nicht weiter erläutert. Rätsel gibt auch das Engagement des Kommissars auf, den der Fall persönlich betrifft. Die Kollegen mutmaßen, ihm sei damals „etwas unterlaufen“.
Der Film, eher ein Drama als ein Krimi, ist vorzüglich besetzt (unter anderem mit Barbara Auer und Jörg Schüttauf als Eltern). Der Schwede Peter Haber verkörpert den Kommissar mit gewohnter Intensität, und Bruno Cathomas war schon allein deswegen eine gute Wahl für die Rolle des Täters, weil er in der Tat wie der freundliche Nachbar wirkt. Die Rolle der Vicky zu besetzen war eine besondere Herausforderung. Katharina Lorenz hat sich gemeinsam mit Steinbichler zu einer Gratwanderung entschlossen – zwischen Schwäche und (behaupteter) Stärke.