Andrea Bredow (Valerie Niehaus) ist schockiert, als ihre neue Kollegin Judith (Ursula Strauss) ihr erzählt, ihr Vorgesetzter Volker Lehmann (Hannes Jaenicke), ein berüchtigter Büromacho, habe sie vergewaltigt. Sie ermutigt sie, Anzeige zu erstatten. Lehmann, der die Tat vehement bestreitet, wird zu fünf Jahren Haft verurteilt. Dann jedoch findet Andrea heraus, dass ihre Freundin zwanghaft lügt. Sollte sie sich auch die Vergewaltigung ausgedacht haben? Der Fernsehfilm „Meine fremde Freundin“ von Stefan Krohmer, zu sehen heute um 20.15 Uhr im Ersten, lotet ein Dilemma aus. Auf der einen Seite steht – wie aktuell im Fall diverser Hollywoodgrößen – das Phänomen des sexuellen Missbrauchs durch Männer, die sich durch ihre Macht und ihren Einfluss unangreifbar fühlen, auf der anderen Seite Falschbeschuldigungen, die sich nur noch schwer aus der Welt schaffen lassen. Wir sprachen mit Jaenicke (57).
-Die Rolle ist ein Geschenk für Sie, oder?
Für einen Schauspieler ist so eine Figur ein gefundenes Fressen, ja. Dieser Volker Lehmann ist braver Familienvater und höchst unangenehmer Bürohengst zugleich. Nicht alles an diesem Mann ist sympathisch zu spielen.
-Ganz im Gegenteil.
Sie können ruhig Arschloch sagen. Er ist ein Typ, der es akzeptabel findet, zotige Sprüche zu klopfen. Das ist leider weit verbreitet und für viele Männer auch im echten Leben vertretbar. Nach dem Motto: „Was haben die denn alle? Ist doch nur ein Spruch.“ Aber Worte sind halt auch schon scharfe Waffen, wenn sie falsch eingesetzt werden.
-Es ist ein schmaler Grat. Wo hört der Flirt auf, wo fängt sexuelle Belästigung an?
Das ist kein schmaler Grat, sondern unglaublich einfach: Es geht ums gegenseitige Einvernehmen. Wenn beide mitspielen – wunderbar. Wenn nur eine Seite spielen will, die andere aber nicht, dann hat sich die Spielerseite zurückzuziehen. Das ist die rote Linie.
-Die aktuelle Situation zeigt, dass viele Männer genau diese rote Linie offensichtlich nicht kennen.
Ich denke, die wollen sie nicht kennen. Ein einfaches Beispiel: Ein Mann steigt in die Bahn oder den Flieger. Da sitzt eine Frau, die er nett, interessant, attraktiv findet. Da kann man „Guten Tag“ sagen und vielleicht noch fragen: „Und wo fahren Sie so hin?“ Wenn sie sich dann aber in ihr Buch vertieft oder in ihr Laptop verkrümelt, dann ist das Interesse offensichtlich einseitig. Dann hat der Mann sich zurückzuziehen.
-Es geht um Respekt.
Ja! Es geht um Respekt, es geht um Stil und Manieren, wir könnten auch das Wort Gentleman mal wieder aus der Kiste kramen. Wir haben doch vor nichts mehr Respekt – vor Frauen nicht, vor Kindern nicht, vor Alten nicht, vor der Umwelt nicht. Wir haben nur noch Respekt vor Herrn Maschmeyer und seinem Vermögen, vor Menschen, die im Porsche Cayenne durch die Maximilianstraße fahren. Ein Urlaub auf Mallorca reicht nicht mehr, es müssen schon die Seychellen sein. Es geht weitgehend nur noch um Statussymbole und Geld.
-Ist das ein Phänomen, das sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat, oder gab es das schon immer und man hat nur nicht so viel drüber gesprochen?
Nein, es hat sich definitiv verschärft. Ich bin ein Kind der Siebzigerjahre, und damals war es völlig wurscht, ob einer Geld hatte oder nicht. Ich bin mit Bob Dylan aufgewachsen, mit Janis Joplin und Bruce Springsteen, mit Peter Ustinov Paul Newman und Robert Redford. Mit Leuten, die Klasse und Stil hatten und haben. Das ist uns flöten gegangen. Außer George Clooney und Matt Damon fallen mir im Gentleman-Bereich nicht mehr viele Vorbilder sein.
-Würden Sie sagen, dass sich in der Filmbranche besonders viele unangenehme Männer tummeln?
Nein. Es geht immer um Macht. Eine Frau aus Bangladesch bekommt in der Textilbranche auch nur einen Job, wenn sie gefügig ist. Ich glaube auch nicht, dass die Bankenbranche besser ist als meine Branche. In der Bundeswehr gibt es krasse Beispiele für sexuellen Missbrauch. Das ist nicht nur beim Film so.
-Haben Sie selbst Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen bei Dreharbeiten?
Ich persönlich nicht. Aber man hört natürlich vieles gerüchteweise über Kollegen, über Produzenten, über Regisseure. Aber ich kann da schwer mitreden. Ich bin nicht dabei, wenn eine Garderobiere von einem Kollegen im Wohnwagen belästigt wird.
-Es gibt ja auch den umgekehrten Fall à la Kachelmann, wo Männer die Opfer von Falschaussagen werden. Beeinflusst Sie so etwas im Hinblick auf Ihr Verhalten? Es gibt Männer, die würden mit einer Frau nicht alleine in den Aufzug steigen aus Angst, sie könnte später Falsches erzählen.
Wie lächerlich ist das denn? Wenn man halbwegs Manieren hat, wird man mit einer Frau nicht in peinliche Situationen geraten.
Das Gespräch führte Stefanie Thyssen.
Im Anschluss an den Film
diskutiert Sandra Maischberger ab 21.45 Uhr in ihrer Sendung zum Thema „Sexuelle Nötigung, Lügen, Vorurteile – Männer unter Generalverdacht?“ Eingeladen sind der Schauspieler Hannes Jaenicke, die Sat.1-Moderatorin Marlene Lufen, „Spiegel“-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen, die Journalistin Teresa Bücker sowie die pensionierte Lehrerin Anja Keinath, die sich vor einigen Jahren für die Rehabilitierung eines zu Unrecht wegen Vergewaltigung verurteilten Kollegen einsetzte.