Die Rechtsmedizin – wohl kaum ein Ort ist besser geeignet zum Nachdenken über Leben und Sterben, über menschliche Schicksale, über den Sinn des Lebens. Und da der Leichenbeschauer beim „Tatort“ (und nicht nur da) im Lauf der Jahre eine ganz wichtige, oft genug ziemlich schillernde Figur geworden ist, hat die ARD für einen von ihnen jetzt sogar eine eigene (Web-)Serie geschaffen. Es ist der Dresdener Falko Lammert, gespielt von Peter Trabner, der in vorerst sechs Fünfminütern die Hauptrolle spielt, unbehelligt von den Kommissarinnen Sieland (Alwara Höfels) und Gorniak (Karin Hanczewski) und deren Chef Schnabel (Martin Brambach). Klamauk und flotte Sprüche haben hier Pause, stattdessen werden, nach den Drehbüchern von Stromberg-Autor Ralf Husmann, lauter kleine und große Dramen verhandelt – Mord, Selbstmord, der Todesschuss eines Polizisten. Lammert ist der Beichtvater der Hinterbliebenen, in zwei Fällen auch der Toten selbst, es sind Gespräche, die den Rechtsmediziner verändern. Es wird getröstet („Die Welt braucht auch das Mittelmaß“) und gezweifelt („Ich hab’ schon so viele Menschen obduziert – aber noch nie eine Seele gefunden“). Keine leichte Kost für den Zuschauer, für den Ableger einer so auf Effekte getrimmten Krimireihe ist „Lammerts Leichen“ ziemlich besinnlich, die Figuren sehr reflektiert – manchmal tönt es wie in einer süßlichen Krankenhausserie. Wer sich jedoch auf diesen unkonventionellen Leichenflüsterer und seine Abenteuer einlässt, kann aus fünf Minuten vielleicht mehr mitnehmen als aus eineinhalb Stunden Thrill. Rudolf Ogiermann