Sein Leben? Wie das Millionen anderer junger Leute in Deutschland. Jan lebt in einer WG in Stuttgart, studiert vor sich hin, besucht Partys, trinkt und hat mit seiner Freundin eine Beziehung ohne große Emotionen. Aber: Sein Dasein langweilt Jan (Edin Hasanovic), es fordert ihn nicht wirklich – nur das Schicksal seines Mitbewohners Tariq (Erol Afsin), eines Arztes in Ausbildung, berührt ihn. Dessen Familie hängt in Syrien fest, um sie herum tobt der Bürgerkrieg. Mit Jans Orientierungslosigkeit ist es vorbei, als er den aus Bosnien stammenden Prediger Abadin Hasanovic (Tamer Yigit) kennenlernt. Jans Irrweg erzählt das Erste an diesem Mittwoch (ab 20.15 Uhr) im Zweiteiler „Brüder“.
Es ist kein gewöhnlicher Mittwochsfilm, wer sich darauf einlässt, braucht starke Nerven. Die Geschichte des jungen Manns, der in die salafistische Szene abdriftet, dabei sich und andere zerstört, ist deswegen so mitreißend, weil sie sich so oder so ähnlich in Deutschland so oft zugetragen haben mag und der Realität erschreckend nahe kommt. Der Film enthält brutale Szenen aus einem Krieg, bei dem es keine Sieger gibt und die so in deutschsprachiger Fiction wohl noch nicht gezeigt wurden. In weiteren Rollen sind Karoline Eichhorn, Thorsten Merten und Misel Maticevic zu sehen.
„Wir hätten die Gewalt nie so real abgebildet, wie sie der IS in seinen Videos selbst zeigt“, sagt der türkischstämmige Regisseur und Co-Autor Züli Aladag. „Der Zuschauer soll selber ein Gefühl für die Gewaltvorstellung bekommen, wie sie sich in den Köpfen unserer Protagonisten abspielt.“ Auf Aladags Betreiben ist die Filmpassage im syrischen Lager des sogenannten Islamischen Staats (IS), die zunächst nur drei Minuten umfassen sollte, auf 50 Minuten ausgeweitet worden. Nach den Worten des zuständigen SWR-Redakteurs Jan Berning ist jede Szene vorher mit der Jugendschutzbeauftragten des Senders abgesprochen worden.
Drehbuchautorin Kerstin Derfler sagt zur Idee, diesen Film zu realisieren, sie habe 2014 pausenlos Bilder aus dem kriegszerstörten Aleppo gesehen. „Die Menschen flohen in Massen aus Syrien, zerrieben zwischen Rebellen, IS und Assads Fassbomben. Gleichzeitig zogen junge Männer, Deutsche, in den Krieg nach Syrien, um dort zu kämpfen. Diese Gegenläufigkeit hat mich nicht mehr losgelassen, und sehr schnell war mir klar, das ich im Kern eine Geschichte von zwei Freunden erzählen möchte, einem syrischen Medizinstudenten und einem sogenannten ,biodeutschen Konvertiten‘, die sich in völlig unterschiedliche Richtungen entwickeln.“
Gedreht wurde in Marokko, wo häufig Stoffe aus dem Nahen Osten für Fernsehen und Kino umgesetzt werden. Der Film endet nicht mit der Eroberung des IS-Lagers, sondern geht nach Jans Rückkehr nach Deutschland weiter. Der Verfassungsschutz ist ihm nun auf den Fersen. Der junge Mann hätte die Chance auf Wiederintegration, selbst sein Vater, vorher in offener Feindschaft zu ihm stehend, hält wieder zu ihm. Doch Konvertit bleibt Konvertit. Er trifft wieder seinen Prediger, der ihn einst verführte, und organisiert sich mit anderen jungen Salafisten neu. Bereitet er jetzt den ganz großen Coup in der Heimat vor?