Das ist ein Auftritt, wie ihn sich jeder Musiker wünscht. Kaum hat der Mann mit dem schwarzen Hut und dem Gitarrenkoffer zusammen mit seinen beiden Begleitern die Bar „Landvogt“ irgendwo in Schwabing betreten, brüllt auch schon einer der Gäste „Türken-Rudi“! Woraufhin der ganze Saal beglückt johlt. Doch das hier ist nur eine Filmszene, hinter dem „Türken-Rudi“ steckt Schauspieler und Liedermacher Michael Fitz, die Kneipenbesucher sind Komparsen, und nicht einmal der Name der Bar ist echt – tatsächlich läuft die Kamera im „Alten Ofen“ an der Zieblandstraße.
Doch die Geschichte, die hier, in einer neuen Folge der ZDF-Krimireihe „München Mord“, erzählt wird, ist nah an der Realität, darauf legen alle Mitwirkenden wert. In „Willkommen in Wahnmoching“ nach dem Drehbuch von Friedrich Ani und Ina Jung geht’s um die Gentrifizierung des wohl berühmtesten Münchner Stadtteils, um den Kampf der alteingesessenen Bewohner gegen die neureichen Zuagroastn.
Und dieser Kampf findet seinen filmischen Ausdruck im Streit zwischen ebenjenem „Türken-Rudi“ und dem Freund (Leo Reisinger) seiner Enkelin (Sophia Schober), einem Spekulanten, der in Schwabing ein Mietshaus geerbt hat, mit dem er nun reichlich Reibach machen will. „Auf den ersten Blick ist das ein Kampf zweier ganz unterschiedlicher Typen“, erläutert Fitz in einer Drehpause im Gespräch mit unserer Zeitung. „Doch der Gegenspieler ist dem Rudi ähnlicher, als der es wahrhaben will.“ Ein Manipulateur, einer der „die Mädels flachlegt, genau wie er selbst das früher auch gemacht hat. Der Hass auf den Jüngeren ist im Grunde Selbsthass.“
Abzusehen also, dass der Streit bald eskaliert, was wiederum das Ermittlertrio Schaller, Neuhauser und Flierl (Alexander Held, Marcus Mittermeier und Bernadette Heerwagen) auf den Plan ruft. Man spürt, dass der 59-jährige Fitz, der lange im Münchner ARD-„Tatort“ mitwirkte und fürs ZDF bisher zweimal als „Hattinger“ am Chiemsee ermittelte, es genießt, wieder einmal auf der anderen Seite zu stehen und eine ganz und gar schillernde Figur zu spielen – noch dazu eine, die „richtig“ Musik machen darf. In „München Mord“ gebe es wesentlich mehr Lokalkolorit, definiert Fitz den Unterschied zum „Tatort“, die Fälle seien weniger „ermittlerlastig“. Viel Gelegenheit also für die Darsteller der Episodenrollen, sich zu profilieren. So wie Dieter Landuris und Johann Nikolussi, die das Musikertrio komplettieren.
Erfahrungen mit dem Wandel „Wahnmochings“ haben alle gemacht, die hier am Set auf ihren nächsten Einsatz warten. „Als ich 1992 hierher kam, waren die Mieten auch schon hoch, aber noch nicht so exorbitant wie heute“, hat Marcus Mittermeier festgestellt. „Es gibt kaum noch Originale, verrückte Typen, wie man sie damals noch in den Cafés in der Leopoldstraße sehen konnte. Heute sind die Maßanzugträger klar in der Überzahl.“ Landuris pflichtet ihm bei: „Auch Kneipen müssen zumachen oder an den Stadtrand ziehen.“ Er kenne den Fall eines Investors, der ein Haus gekauft und sofort verlangt habe, dass die Live-Musik in dem Lokal im Erdgeschoss nur noch in Zimmerlautstärke gespielt wird: „Da kann man es auch gleich sein lassen.“ Für Bernadette Heerwagen, die im Westend aufwuchs und jetzt in der Hauptstadt lebt, ist die Gentrifizierung kein Münchner Problem: „Das gibt es auch in Berlin, Hamburg, Köln oder Frankfurt.“
Und was sagt Michael Fitz zu diesem Abgesang auf das Schwabing von einst? Der Mann, der als „Türken-Rudi“ sein Revier so vehement verteidigt, lebt seit vielen Jahren auf dem Land: „Und ich denke nicht, dass ich daran nochmal etwas ändere.“