Über das Leben im Alter

von Redaktion

Katrin Sass und Wolfgang Stumph überzeugen in dem Film „Harrys Insel“, in dem es auch um Sterbehilfe geht

Von Katharina Dockhorn

Harry Stockowski (Wolfgang Stumpf) will nur noch weg aus Deutschland. In der kanadischen Provinz Nova Scotia will der rüstige Witwer einen Neuanfang wagen. Allerdings steht dem Glück auf einer abgelegenen Insel im Atlantik Susan Bennett (Katrin Sass) im Weg. Mit dem Gewehr im Anschlag verwehrt sie ihm den Zutritt zur einzigen Hütte auf dem Eiland. Harry steht im wahrsten Sinne des Wortes im Regen. Keiner der beiden will weichen, jeder pocht auf sein Recht.

So beginnt der warmherzige Film über den Umgang mit Krankheit, Tod und dem Willen vieler älterer Menschen, selbstbestimmt ihr Leben und dessen Ende zu gestalten. Anna Justice inszenierte die Geschichte nach einem Buch von Scarlett Kleint und Alfred Roesler-Kleint. Das Erste strahlt „Harrys Insel“ am heutigen Freitag um 20.15 Uhr aus.

Harry Stockowski will alle Brücken nach Deutschland abbrechen. Mehrere Jahre hat er im Knast gesessen. Nur zögernd gesteht er Susan, dass er seine geliebte Frau über Jahre gepflegt habe und am Ende seiner Kräfte gewesen sei. Als sich abzeichnete, dass seine Frau austherapiert war und der Tod mit unendlichen Schmerzen verbunden sein würde, hatte Harry ihrem Leben ein Ende gesetzt.

Hier knüpft Anna Justice an Michael Hanekes Film „Liebe“ über die letzten Lebenswochen eines alten Paares an, der diesen Prozess sensibel beobachtete – allerdings vor möglichen rechtlichen Konsequenzen abblendete. In „Harrys Insel“ dagegen wird auch das thematisiert: Die deutsche Justiz befand Harry in der gleichen Situation schuldig.

Mit seinem Ersparten hat er sich dann die Insel gekauft, allerdings verfügt auch Susan über eine Besitzurkunde. Sie hat das Land, das einst ihrer Familie gehörte, von der Gemeinde zurückgekauft. Sie hatte das Recht dazu, da Harry drei Jahre lang keine Steuern entrichtet hatte. Susan kann ihr Eigentum aber nicht nutzen. Ihr Sohn Jason (Philipp Rafferty) hat sie in ein Pflegeheim einweisen lassen. Er denkt, dass nur dort eine adäquate Pflege seiner Mutter gewährleistet sei, die unheilbar erkrankt ist. Aus dem Heim ist Susan entwischt und seitdem für ihre Familie spurlos verschwunden. Sie ist bereit, ihre Freiheit und ihr Heim mit allen Mitteln zu verteidigen. Nur langsam nähern sich die beiden in ihrer Not an.

Der Film ignoriert alle möglichen Sprachbarrieren, aber das ist nur ein kleines Manko. Eingebettet in eine reizvolle Schären- und Insellandschaft – eine Oase unberührter Natur, wo Mensch und Tier noch gemeinsam Platz haben – berührt der Film ein Thema, das gerne aus dem Bewusstsein verdrängt wird. Auch und gerade filmisch. Sterbehilfe behandeln deutsche Regisseure gerne am Schicksal junger Leute, die ins europäische Ausland ausweichen.

Die Beweggründe für das Handeln von Harry, Susan und deren Sohn werden hier deutlich herausgearbeitet. Jason bangt nach dem plötzlichen Tod des Vaters und seiner eigenen Frau um das Wohl seiner Mutter. Er fürchtet, dass sie eines Tages zusammenbrechen und ohne sofortige Hilfe sterben könnte. Seine Mutter will sich dagegen ihre Unabhängigkeit und ein selbstbestimmtes Leben bewahren. Den Tod begreift sie als natürlichen Teil des Lebens.

Zwischen ihnen steht nun Harry, der niemals mit seiner Entscheidung hadert. Er hat die Strafe akzeptiert. Mit dieser Zeichnung der Figur beweisen die Macher Mut. Sie werden sicher Kontroversen auslösen, ob Deutschland bei der Sterbehilfe zu einer Regelung wie in der Schweiz kommen sollte. Und das ist auch gut so.

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