Tödliche Bilanz

von Redaktion

Laut „Reporter ohne Grenzen“ sind heuer weltweit 65 Journalisten im Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet worden

Von Esteban Engel

Korruption und organisierte Kriminalität – in vielen Ländern riskieren Journalisten, die darüber berichten, ihr Leben. Nach Angaben von „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) sind in diesem Jahr 65 Journalisten in Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet worden, fast die Hälfte davon außerhalb von Regionen mit bewaffneten Konflikten. In Ländern wie Mexiko oder den Philippinen gerieten Journalisten oft ins Visier ihrer Mörder, weil sie über Themen wie Korruption oder organisierte Kriminalität berichteten, teilte die Organisation am Dienstag mit.

Am gefährlichsten ist es für Journalisten, Bürgerjournalisten und Medienmitarbeiter laut der ROG-Bilanz in Syrien (zwölf Medienschaffende getötet), in Mexiko (elf), Afghanistan (neun), im Irak (acht) und auf den Philippinen (vier).

Doch auch in Europa können Journalisten ihres Lebens nicht mehr sicher sein. So sorgte vor einigen Wochen der Fall Daphne Caruana Galizia für Entsetzen. Die 53-jährige maltesische Bloggerin war durch eine Autobombe getötet worden. Ihre Familie macht die Behörden und die Regierung von Malta für den Anschlag mitverantwortlich. Daphne Caruana Galizia hatte einem Konsortium angehört, das im vergangenen Jahr die „Panama Papers“ veröffentlichte. In dem Dossier spielte Malta eine wichtige Rolle – unter anderem als Steuerparadies. Die Journalistin deckte auf, dass Michelle Muscat, die Frau von Premierminister Joseph Muscat bei einer Bank in Panama ein Konto besaß, auf das Schmiergelder in Millionenhöhe geflossen waren. Unter dem Eindruck des Skandals musste Muscat zurücktreten und Neuwahlen ausschreiben. Trotz der Affäre gewann er die Wahl und kehrte ins Amt zurück.

Weltweit sind laut ROG-Bericht ferner mindestens 326 Medienmitarbeiter in Haft, fast die Hälfte davon allein in fünf Ländern – in China, in der der Türkei, in Syrien, im Iran und in Vietnam. So halte die Justiz in der Türkei Journalisten systematisch über längere Zeit in Untersuchungshaft und ohne ein Gerichtsurteil hinter Gittern. Prominentestes Beispiel ist der deutsche „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel, der seit Februar in Haft sitzt, gegen den jedoch bisher noch nicht einmal Anklage erhoben wurde.

Verschärft habe sich die Lage der Medien auch in Vietnam, wo mindestens 25 Blogger verhaftet oder des Landes verwiesen worden seien. Bis Ende des Jahres seien weltweit überdies 54 Medienschaffende entführt worden – die meisten in Syrien, im Jemen und im Irak. Allein in Syrien sind laut ROG-Bericht derzeit mindestens 22 einheimische und sieben ausländische Medienschaffende in den Händen bewaffneter Gruppen, einige davon seit mehr als fünf Jahren. In manchen Fällen würden Angehörige und Kollegen deren Schicksal erst nach Jahren bekanntgeben. Sie befürchten sonst, das Leben der Entführten zusätzlich zu gefährden.

„Reporter ohne Grenzen“ fordert die Vereinten Nationen auf, endlich zu handeln. Ein UN-Sonderbeauftragter für den Schutz von Journalisten könnte völkerrechtliche Vorschriften durchsetzen und damit die Zahl von Übergriffen und Gewaltakten wirksam verringern. Zwar habe die UN bereits entsprechende Resolutionen verabschiedet. Sie hätten aber bislang kaum Auswirkungen auf die Lage der Medienleute.

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