-Wer erhebt die Vorwürfe?
Namentlich genannt werden Jany Tempel und Patricia Thielemann. Tempel ist heute 48 Jahre alt und hat als junge Frau kleinere Rollen gespielt. Heute arbeitet sie als Fotografin und Drehbuchautorin. Patricia Thielemann ist 53 und als Yoga-Lehrerin tätig.
-Was werfen sie Wedel vor?
Tempel war ihren Schilderungen nach 27 Jahre alt, als sie 1996 im Hotel Vier Jahreszeiten in München zum Vorsprechen eingeladen war. Es ging um eine Rolle in „Der König von St. Pauli“. Treffpunkt war offenbar Wedels Hotelzimmer. Im „Zeit“-Magazin erinnert sich Tempel, dass der Regisseur im Bademantel vor ihr gestanden und sie gebeten habe, eine erotische Szene aus dem Drehbuch vorzulesen. Währenddessen begann er Tempel angeblich zu bedrängen. „Er hat mich mit Wucht gepackt und gegen die Wand gepresst“, sagt sie. „Ich weiß nicht mehr, wie meine Kleidung von mir kam, ich weiß nur noch, dass ich wimmerte und es so schmerzfrei wie möglich über mich ergehen lassen wollte.“ Tempel habe Wedel dann nur gebeten, ihr „kein Kind zu machen“, weil zu Hause ihr Freund und Baby warteten. Thielemann wurde laut ihren Angaben 1991 im Bremer Parkhotel belästigt. Anlass war ein Vorsprechen für „Der große Bellheim“. Wedel habe ihre Bluse aufgerissen und versucht, sie auf ein Sofa zu werfen. Dann konnte sie sich befreien, berichtet sie.
-Warum sind die Frauen nicht zur Polizei gegangen?
Beide geben Angst als Grund an. Wedel sei ein großer Name in der Branche gewesen. Eine Anzeige hätte ihre Karrieren zerstören können.
-Warum äußern sich die beiden gerade jetzt?
Ermutigt durch die Sexismusdebatte, die seit den Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfen gegen Hollywoodmogul Harvey Weinstein geführt wird. Auch Dieter Wedel hatte sich geäußert und in einem Radio-Interview angemerkt, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer Übergriffen ausgesetzt seien. Er selbst sei als junger Mann am Theater für schwul gehalten worden. Regisseure und Schauspieler hätten ihn „mächtig unter Druck“ gesetzt, so Wedel. Aber er habe nicht nachgegeben. Wedel als Opfer sexueller Übergriffe? Durch diese Aussagen fühlten sich die zwei Frauen verhöhnt, und entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen.
-Was sagt Dieter Wedel?
Wedel sagt, er habe eine Affäre mit Jany Tempel gehabt, widerspricht aber den Vorwürfen, die sie gegen ihn richtet. Er habe vor Erscheinen des Berichts gegenüber dem „Zeit“-Magazin „eine umfassende eidesstattliche Erklärung zu den schweren Anschuldigungen abgegeben“, teilte sein Anwalt Michael Philippi mit. „Darin versichert er, dass die offenbar von mehreren Schauspielerinnen gegen ihn erhobenen Vorwürfe unzutreffend und nicht gerechtfertigt sind.“ Er habe zu keinem Zeitpunkt diesen oder anderen Frauen in irgendeiner Form Gewalt angetan. Wedel ist derzeit Intendant der Bad Hersfelder Festspiele – und bekommt Rückendeckung. Der Bürgermeister der Stadt, Thomas Fehling, erklärt: „Ich habe keinen Anlass, an der Glaubwürdigkeit von Dieter Wedel zu zweifeln.“ Da die Vorwürfe erst mal bewiesen werden müssen, sollte man auch keine Bewertungen abgeben. Dieter Wedel geht gegen die mehrere Seiten lange Veröffentlichung im „Zeit“-Magazin und die Online-Version vor, verkündete sein Anwalt. Der Regisseur selbst will sich nicht äußern. Stefanie Thyssen