Montag und Dienstag wurde getagt, diskutiert und, wie BR-Intendant Ulrich Wilhelm mit einem Schmunzeln betont, nicht (!) gestritten – gestern stellte der amtierende ARD-Vorsitzende die Ergebnisse der Sitzung aller Intendantinnen und Intendanten des Senderverbunds vor. Bei der Pressekonferenz von besonderem Interesse: Klar, der Fall Dieter Wedel. Wilhelm verwies auf die Unschuldsvermutung, die selbstverständlich für den Regisseur gelte. Gleichwohl seien die im Raum stehenden Vorwürfe so umfassend und massiv, dass man darauf reagieren müsse.
„Der Fall fordert uns auf verschiedenen Ebenen“, erklärte Wilhelm. Zum einen gehe es um die konkrete Aufarbeitung. Dazu würden derzeit die einzelnen Landesrundfunkanstalten ihre Archive durchforsten. Die Frage, die es zu klären gilt: Gibt es Hinweise auf Auffälligkeiten beziehungsweise Fehlverhalten des Regisseurs bei zurückliegenden Produktionen? Die Hauptarbeit hat hier der NDR zu leisten, der innerhalb der ARD am häufigsten mit Wedel zusammengearbeitet hat. Die Recherche, so Wilhelm auf Nachfrage unserer Zeitung, könne hier noch einige Wochen in Anspruch nehmen.
Zum zweiten geht es laut Wilhelm um den Schutz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Belästigung und sexuellen Übergriffen. Der Senderverbund unterstütze hier die Idee, eine „überbetriebliche, unabhängige Beschwerdestelle in der Medien- und Kulturbranche“ einzurichten, so Wilhelm. „Wir wollen uns da einbringen. Und ich habe auch die Erwartung, dass das fürs ZDF, für RTL, ProSiebenSat.1 auch gelten würde.“ Wo diese Stelle angesiedelt sein soll und wer ihr vorsitzen könnte, werde noch geklärt.
Drittens will Wilhelm das Bewusstsein für das Thema generell schärfen. Gerade Führungskräfte und Kollegen, die etwa Volontäre ausbilden, seien hier besonders gefordert, so der 56-jährige BR-Chef.
Ein weiteres großes Thema bei der Tagung der Intendanten war die anstehende Neuordnung des sogenannten Telemediengesetzes, das unter anderem regelt, wie viel Textinhalt ARD und ZDF im Internet anbieten dürfen. Die Zeitungs- und Zeitschriftenverleger fordern ja eine deutliche Einschränkung solcher „presseähnlichen“ Angebote. Wilhelm forderte indes die Ministerpräsidenten dazu auf, bei der Neuordnung des Gesetzes nicht nur auf Zeitungen und öffentlich-rechtliche Sender zu schauen. Wenn die ARD künftig weniger im Internet anbieten dürfe, diene dies nicht automatisch den Verlagen, sondern Netzbetreibern und Plattformen. Vodafone, T-Online, Web.de und Google News entwickelten sich immer mehr zu großen Nachrichtenanbietern, die von Kontrollen und Regulierungen kaum betroffen seien. „Es ist sehr wichtig, dass man auch diesen dritten Anbieterkreis mit in den Blick nimmt“, sagte der Intendant des Bayerischen Rundfunks, der zu Jahresbeginn den ARD-Vorsitz übernommen hat.
Nach diesen medienpolitischen Themen und Ausführungen Wilhelms warf ARD-Programmdirektor Volker Herres noch einmal einen Blick zurück auf das vergangene Jahr. Die „Tagesschau“ wurde 2017 so stark eingeschaltet wie noch nie in ihrer Geschichte, von täglich rund zehn Millionen Menschen. Außerdem liefere das Erste mit „Anne Will“ die erfolgreichste Talkshow des deutschen Fernsehens und sei (inzwischen wieder) auch im Show-Bereich mit Formaten wie „Klein gegen Groß“ und „Wer weiß denn sowas?“ vorne dabei.
Im Fiktionalen sei die ARD ebenfalls gut aufgestellt. Bei der Berlinale etwa würden 46 Koproduktionen der ARD gezeigt, vier Filme laufen im Wettbewerb. Auf die Ausstrahlung von „Babylon Berlin“ (voraussichtlich im Herbst) wies Herres nicht extra hin. Die Serie, die beim Pay-TV-Sender Sky ihre Premiere gefeiert hatte, gilt aber intern als der Höhepunkt des Jahres schlechthin.