„Propagandamaschine“ Facebook

von Redaktion

Die Bayern sind heimatverbunden und modern, sagt eine Studie – und sie vertrauen klassischen Medien nach wie vor

von Marcus Mäckler

Ganz am Ende räumt Matthias Jung mit zwei Irrtümern auf. Da ist einmal die Vorstellung vom rückständigen Bayern – ein böses Klischee. Die Menschen im Freistaat verträten viel modernere Ansichten, als „manche in der CSU glauben“, sagt Jung. Und dann ist da die Annahme, die Leute würden sich politisch zunehmend über Soziale Netzwerke informieren. Auch das sieht er anders: Die Rolle sozialer Kanäle werde überschätzt.

Jung ist Geschäftsführer der Forschungsgruppe Wahlen und immer mal wieder im Fernsehen zu sehen. Zuletzt hat er an einer Studie gearbeitet, die die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) in Auftrag gegeben hat. Und die beiden Irrtümer, von denen er am Donnerstag bei der Vorstellung der Studie spricht, haben mehr miteinander zu tun, als man im ersten Moment denkt.

Unter dem Eindruck schwächelnder Volksparteien und erstarkender populistischer Strömungen wollte die HSS wissen, wie die Menschen im Freistaat politisch ticken. Also wurden kurz nach der Bundestagswahl im Oktober 2017 gut 2000 Bayern dazu befragt, welche Themen sie für wichtig halten, wie sie sich über Politik informieren und welchen Informationsquellen sie vertrauen. Manches Ergebnis fällt überraschend deutlich aus.

Von der populistischen Klage über die „Lügenpresse“ lassen sich die Menschen im Freistaat zum Beispiel überhaupt nicht beeindrucken. 64 Prozent der Befragten geben an, sich „häufig“ bei ARD und ZDF über Politik zu informieren, 58 Prozent setzen auf regionale Tageszeitungen. „Sie haben in fast allen Altersgruppen eine größere Bedeutung bei der Informationsbeschaffung als Soziale Medien“, sagt Jung. Der Grund dafür ist einfach: Das Vertrauen in klassische Medien ist hoch. 83 Prozent der Befragten halten ARD und ZDF für glaubwürdig, 78 Prozent die regionalen Tageszeitungen.

Die Ausnahme sind Befragte mit einer Nähe zur AfD. „Sie fallen da brutal raus“, sagt Jung. 40 Prozent von ihnen informieren sich häufig über Facebook und Co. Paradoxerweise halten nur 25 Prozent das, was sie dort lesen, auch für glaubwürdig. Insgesamt misstrauen die Befragten den Sozialen Netzwerken in besonderem Maße, nur zehn Prozent verlassen sich auf die Informationen, die sie bekommen. Dort wittert nämlich ein Großteil von ihnen die berüchtigten Fake News, also bewusst lancierte Falschmeldungen. Einmal mehr sind besonders rechts denkende Menschen die Ausnahme: Sie glauben, Fake News würden vor allem in Fernsehsendern und Zeitungen verbreitet.

Neben der Mediennutzung hat die Studie auch die Themen untersucht, die die Bayern für besonders wichtig erachten. Hier sticht eines heraus: 32 Prozent halten den Komplex Flüchtlinge und Integration für entscheidend, gefolgt vom Dauerbrenner Schule und Bildung (13 Prozent). 41 Prozent sind der Meinung, das für die Integration von Ausländern zu wenig getan wird, etwa ein Viertel ist zufrieden mit den Maßnahmen. Die AfD-nahen Wähler sind auch an dieser Stelle anderer Meinung: 71 Prozent von ihnen finden, es werde zu viel für die Integration getan.

Insgesamt vertritt der Normalbürger in Bayern moderne Positionen: 61 Prozent finden, die Energiewende werde stiefmütterlich behandelt, fast genauso viele (57 Prozent) stellen dieselbe Diagnose beim Thema Ganztagsbetreuung. Selbst bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften sind die Bayern weniger traditionalistisch, als viele glauben: Gut die Hälfte (51 Prozent) findet den Status quo genau richtig – inklusive Ehe für alle.

Der Bayer an sich sei „relativ tolerant“, sagt Wahlforscher Jung. „Modernität steht nicht im Widerspruch zu Heimat.“ Dass die Heimatverbundenheit hierzulande groß ist, ist ja kein Geheimnis. Vorsichtshalber hat die Forschungsgruppe aber noch mal nachgefragt und Folgendes herausgefunden: 58 Prozent sind stark mit ihrer Region verbunden, etwas weniger (54) stark mit Bayern, nur 47 Prozent mit Deutschland.

Der alte Spruch vom Laptop und der Lederhose ist also gar nicht so falsch. Folgt man der Studie, dann denken die Bayern modern – und sind zugleich kritisch genug, soziale Kanäle richtig einzuordnen. „Die Rechten haben die Sozialen Medien als Propagandamaschine entdeckt“, sagt Jung – aber das Gros der Bürger fällt darauf nicht herein. Auch die Politik müsse vorsichtig sein. Wer, angetrieben durch den falschen Eindruck, der in Sozialen Netzwerken entsteht, sehr restriktive Positionen vertrete, habe „eigentlich keine Chance, eine Mehrheit in Bayern zu erreichen“.

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