Drei Tage zwischen Horror und Hoffnung

von Redaktion

Die ARD zeigt heute und morgen den Zweiteiler „Gladbeck“ über das Geiseldrama, das vor 30 Jahren ganz Deutschland in Atem hielt

Von Dorit Koch

In diesem Sommer jährt sich das Geiseldrama von Gladbeck zum 30. Mal. Einer der spektakulärsten Kriminalfälle, der die Bundesrepublik drei Tage lang in Atem hielt, der zwei Geiseln und einen Polizisten das Leben kostete, der als Versagen der Staatsmacht und als journalistischer Sündenfall in die Geschichte einging.

Einer der beiden Täter, Dieter Degowski, ist gerade aus der Haft entlassen worden. Der andere, Hans-Jürgen Rösner, sitzt weiter. Er war es auch, der „Gladbeck“ juristisch verhindern wollte, jenen Zweiteiler, den das Erste heute und morgen jeweils um 20.15 Uhr zeigt. Ein Film, der auch zum Nachdenken über „Gaffermentalität“ in Zeiten von Smartphones und Sozialen Netzwerken anregen soll.

Als die Täter nach dem missglückten Banküberfall in Gladbeck mit Geiseln durchs Land fliehen, verfolgt von einer hilflos wirkenden Polizei, sind damals Millionen Fernsehzuschauer live dabei. Sie sehen eine Pressemeute außer Rand und Band, Verbrecher, die vor laufenden Kameras Interviews geben, während sie in einem Bremer Bus mehr als 30 Geiseln in ihrer Gewalt haben. In Köln kommt es zur bizarren „Pressekonferenz“ aus dem dicht umlagerten Fluchtwagen heraus – die 18-jährige Geisel Silke Bischoff muss Fragen beantworten, während Degowski ihr die Waffe an den Hals hält.

Regisseur Kilian Riedhof will die „Erschütterung und Ohnmacht“, die er als Jugendlicher selbst angesichts von Gladbeck empfunden habe, auf das Publikum übertragen. „Filme dürfen nicht im Kopf stecken bleiben, sie müssen uns bewegen. Das Trauma von Gladbeck braucht unsere kollektive Empathie, um verarbeitet zu werden“, sagt der 46-Jährige.

Sein Film holt den Nervenkrieg aus dem Sommer des Jahres 1988 zurück auf den Bildschirm. Sascha Alexander Gersak als Rösner, Alexander Scheer als Degowski und Zsa Zsa Inci Buerkle als Silke Bischoff gleichen den realen Vorbildern für ihre Rollen nicht nur äußerlich frappierend. Die größtmögliche Faktentreue, die dem „Gladbeck“-Team wichtig war, reicht bis hin zu Bewegungsabläufen und Körpersprache. Im Zentrum steht für Riedhof die Frage, wie sich das Geschehen auf Polizisten und Journalisten auswirkte, wie es sie zu Opfern zweier skrupelloser Männer machte.

Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt dienten unter anderem die Untersuchungsberichte aus Nordrhein-Westfalen und Bremen als Quellen. Daneben seien etwa Tondokumente umfassender als zuvor ausgewertet worden. Wer die Originalbilder vor Augen hat, wird so manches im Film bis ins Detail wiedererkennen. Was der Öffentlichkeit zunächst verborgen blieb – Chaos, aber auch Kalkül in den Behörden, wo Schauspieler wie Ulrich Noethen, August Zirner und Martin Wuttke zu sehen sind – rekonstruierte die Crew minuziös. Ihm sei es nicht darum gegangen, zu verurteilen, sagt Riedhof („Der Fall Barschel“). „Der Zuschauer soll immer auch bei den Figuren sein und sich selbst fragen: Was würde ich machen?“

Nach Gladbeck überarbeitete die Polizei grundlegend ihre Taktik, der Presserat legte fest, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht geben darf. Doch längst geht es nicht mehr nur um journalistische Grenzüberschreitungen. Er habe sich gefragt, wie Gladbeck heute ablaufen würde, so Produzent Sascha Schwingel. Und erinnert an das „Gafferurteil“ für einen Mann, der einen sterbenden Motorradfahrer filmte und dabei die Retter behinderte: „So lange so etwas passiert, so lange ist Gladbeck mehr als aktuell.“

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