Quirin Berg hält drauf. Filmt mit seinem Handy, wie blutende Menschen, über und über von Staub bedeckt, panisch umherrennen. Zu den Krankenwagen, die vor dem Einkaufszentrum hier am Salzburger Flughafen stehen. Berg schaut sich das aus dem Warmen an, durch die Fensterscheibe des italienischen Restaurants gegenüber. Aber nein, er ist kein Gaffer, muss keine Strafe fürchten. Ist ja alles nur ein Film. Und der 40-Jährige zusammen mit seinem Partner Max Wiedemann für die Produktion zuständig. Beauftragt von Sky Deutschland.
Dessen Chef Carsten Schmidt hatte auf der Jahreskonferenz des Bezahlsenders neulich in München bereits angekündigt, dass sie verstärkt auf eigene Reihen setzen werden. Dass sie mit der Serie „Der Pass“ Wiedemann & Berg beauftragten, beweist, dass das keine leeren Worte waren. Die Münchner Oscargewinner (sie produzierten „Das Leben der Anderen“) haben ein Gespür für exzellente Stoffe.
In dem Stoff, den sie da gerade in Salzburg verfilmen, geht’s heftig zu. Wenige ausgewählte Journalisten aus Deutschland und Österreich dürfen zuschauen, wie Julia Jentsch („Sophie Scholl – Die letzten Tage“) und Nicholas Ofczarek („Altes Geld“) sich auf die Suche nach einem Serienmörder machen. Sie spielt die junge ambitionierte Ermittlerin aus Berchtesgaden, er den mürrischen Kollegen aus Österreich, der mit seinem Polizisten-Dasein längst abgeschlossen zu haben scheint.
Steilvorlage für so manches Spiel mit Klischees? Philipp Stennert wiegelt ab. Er hat zusammen mit Cyrill Boss das Drehbuch geschrieben. Das filmische Dreamteam (etwa „Neues vom Wixxer“ und „Die Dasslers“) führt Regie. Wird „Der Pass“ im deutsch-österreichischen Grenzgebiet also keine Piefke-Saga im Thriller-Gewand? „Nein“, betont Stennert. Klar liege es nahe, bei der Grundthematik, die an Motive des dänisch-schwedischen Erfolgsformats „Die Brücke – Transit in den Tod“ angelehnt ist, das Aufeinanderprallen der Kulturen auszukosten. „Doch je mehr wir uns damit beschäftigt haben, desto weniger hat uns das interessiert“, erzählt Stennert. Die Klischees, die wurden ja schon so oft erzählt. Was sie wollten, war, die Alpenregion einmal nicht pittoresk oder komödiantisch in Szene zu setzen, sondern ihre mysteriöse Note, „diese Düsternis“, zu inszenieren.
Gar nicht so leicht. 55 Tage liegen mittlerweile hinter ihnen, 30 folgen noch. Zwischenstand: viel Schnee, viel Kälte, viele dunkle Stunden in Wäldern, Bergen und an Seen. „Der viele Schnee kam der Serie natürlich zupass“, wortspielt Cyrill Boss – und Ofczarek tut beeindruckt. „Ooh, Chapeau! Das hast du wochenlang vorbereitet, oder?“ Keinem ist hier anzumerken, dass sie schon so lange am Stück bei manchmal miesen Wetterbedingungen arbeiten. Der Trost: Je schlechter das Wetter, desto schöner die Bilder. Produzent Berg, der freilich nicht immer dabei war, schadenfroh: „Und wir haben sehr viele sehr schöne Bilder!“
Bis es zur Ausstrahlung kommt, vergehen noch Frühling, Sommer und Herbst. Im Januar wird Sky „Der Pass“ zeigen. Deshalb auch die Weihnachtstannen, die an diesem Märztag vor dem Einkaufszentrum liegen. Vom Italiener aus erkennt man, wie zersprengt auch sie von der Explosion sind, die sich da eben ereignet hat. Von irgendeinem Irren initiiert. Manchmal liegen Realität und Fiktion unangenehm nah beieinander. Während hier das Drama gedreht wird, kündet der Fernseher, der an der Restaurantbar läuft, von dem Messer-Amoklauf in Wien. Der ist erschreckend real. „Das sind diese Momente, in denen man dankbar ist, dass das hier Film und keine Doku ist“, sagt Berg. Und hält noch mal drauf. Ist ja alles nicht echt. Aber echt gut.