Dokudrama: Der Philosoph privat

von Redaktion

Von heide-Marie Göbbel

Der bekannteste Sohn Triers, sein Hauptwerk „Das Kapital“, seine Freundschaft zu Friedrich Engels – denkt man an Karl Marx, fallen einem schnell diese drei Punkte ein. Das ZDF-Dokudrama „Karl Marx – Der deutsche Prophet“ wirft zum 200. Geburtstag des Philosophen und Gesellschaftstheoretikers einen Blick in weniger bekannte Kapitel seines Lebens – sein Familienleben und sein von Schicksalsschlägen gezeichnetes letztes Lebensjahr. Peter Hartl (Buch) und Christian Twente (Regie) schildern diese Zeit aus der Sicht seiner jüngsten Tochter und Mitarbeiterin Eleanor. Der Mainzer Sender strahlt den aufwendig gestalteten Film heute um 20.15 Uhr aus.

Als ihre Mutter krank wurde, sprang Eleanor Marx (Sarah Hostettler), die eigentlich Schauspielerin werden wollte, im Jahr 1880 als Sekretärin und Mitarbeiterin ihres berühmten Vaters ein. Sie kümmerte sich um seine Korrespondenz, ordnete Manuskripte, übersetzte seine Texte ins Englische und dolmetschte. Durch den Fokus des Films auf die jüngste Tochter rückt Marx’ Familiengeschichte in den Mittelpunkt. Viele Spielszenen offenbaren nicht zuletzt die schwierige finanzielle Lage der Familie.

Aus der Entscheidung, Marx’ Leben aus dem Blickwinkel von Eleanor zu erzählen, ergaben sich für die Macher viele neue Möglichkeiten, um die Widersprüche zwischen dem privaten Marx und dem nach Martin Luther wohl bekanntesten deutschen Denker zu zeigen. Im 20. Jahrhundert sei mehr als ein Drittel der Menschheit Regimen ausgesetzt gewesen, die sich auf ihn beriefen – und zumeist scheiterten, so der Autor.

Peter Hartl, der auch „Das Luther-Tribunal“ schrieb und zusammen mit dem Regisseur Christian Twente die Reihe „Die Deutschen“ erarbeitete, fand in Hauptdarsteller Mario Adorf einen Mann, der mit Leben und Werk von Karl Marx bestens vertraut ist. Adorf hatte vor über zehn Jahren ein Filmdrehbuch über Marx geschrieben, das aber nie realisiert wurde.

Als Philosophiestudent habe er sich bereits theoretisch mit dem geistigen Vater der Arbeiterbewegung auseinandergesetzt und in den Semesterferien erlebt, was es heißt, als „Lohnsklave“ im Steinbruch zu schuften, erzählt Adorf. Marx zu spielen sei immer sein Wunsch gewesen. Er füllt die Rolle perfekt aus, nicht zuletzt dank der Leistung der Maskenbildner.

Die Spielszenen werden ergänzt durch Kommentare von Historikern und Wirtschaftswissenschaftler. Auch Marx-Biografen wie Jürgen Neffe, Jacques Attali oder die Eleanor-Marx-Biografin Eva Weisweiler kommen zu Wort. Die Statements der Experten befassen sich auch mit der Frage, wie gültig die Weltbeschreibung des deutschen Propheten heute noch ist. Marx’ scharfsichtige Analysen erschienen in den Zeiten der Globalisierung aktueller denn je, betonen sie. Das letzte Wort im Film hat Eleanor Marx. Sie habe oft mit ihrem Vater gehadert, aber nach seinem Tod ihren Frieden gefunden, sagt sie. Marx habe die Menschheit geliebt.

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