Und alle haben weggesehen

von Redaktion

Das dreiteilige Drama „Three Girls“ greift den realen Fall einer Serie von Missbrauchsfällen in Großbritannien auf

Von Christof Bock

Ruby (Liv Hill) lutscht am Daumen, als sie darauf wartet, ihr Kind abzutreiben. Sie ist erst 13. Geistig zurückgeblieben. Missbraucht. Ausgeliefert von skrupellosen Zuhältern an einen Familienvater Mitte 30. Kein Einzelfall – nur eines von rund 1000 Opfern. Eine Fernsehreporterin wird es später auf den Punkt bringen, warum dieser Skandal doppelt heikel ist: „Sämtliche Männer sind pakistanischer Herkunft, während ihre Opfer ohne Ausnahme weiß sind.“ Lange Jahre ignorieren Behörden alle Hinweise, nach Strafanzeigen werden Anklagen fallengelassen.

Das dreiteilige BBC-Drama „Three Girls – Warum glaubt uns niemand?“, zu sehen an einem Abend heute ab 20.15 Uhr auf Arte, greift einen wahren Fall aus Großbritannien auf. Orte wie Telford, Oldham, Rochdale stehen als Synonyme für die Behördenstrategie, einfach wegzusehen. Zwischen 2003 und 2012 kam es dort immer wieder zu systematischer sexueller Ausbeutung junger Mädchen. Das Bekanntwerden der Machenschaften von Banden aus Südasien bedeutete für die liberale Einwanderungsgesellschaft eine Belastungsprobe.

Nicht die Taten stehen im Mittelpunkt von Philippa Lowthorpes preisgekrönter Inszenierung. Es geht um die Vorgeschichte und den schwer erträglichen Umgang der Behörden mit den Außenseiterinnen. Ein Ermittler gähnt Holly (Molly Windsor) ins Gesicht, als sie ihre Vergewaltigung schildert. Andere vertauschen Opfer- und Täterrolle. Sie halten die Mädchen für Prostituierte. Obwohl sie Kinder sind, die auf Lockvögel hereinfielen, unter Alkohol oder Drogen gesetzt wurden.

Jahre später will eine Sonderkommission der Polizei endlich aufräumen und steht vor einem Scherbenhaufen, den ihre Kollegen hinterlassen haben. Hollys Vater wirft die Ermittler raus: „Raten Sie mal, wer daran schuld ist, dass sie so kaputt ist, dass sie nicht mehr auf die Füße kommen kann? Sie und ihresgleichen!“ Auch Holly will nichts mehr von der Polizei wissen: „Alles erzählt hab ich denen. Und noch mal und noch mal und noch mal. Und dann drehen die sich um und behaupten, ich lüge.“

Als die Ermittler die Dimension des Falls erkennen, ist es ein Schock: „Das sind ja Hunderte.“ Ein Psychologe sagt ratlos: „Hier stehen Namen, Adressen, Autokennzeichen. Dieselben Täter werden von verschiedenen Mädchen gemeldet. Wieso in aller Welt hatte die Kriminalpolizei diese Akten nicht?“ Die bittere Antwort der Kollegin: „Weil sie sie nicht haben wollten.“

Erst nach und nach gehen Medien dem Phänomen des „Grooming“ nach, bei dem Zuhälter sich in das Leben von Mädchen einschleichen, ihr Vertrauen gewinnen, sie dann isolieren und missbrauchen. Dass laut Recherchen der „Times“ 53 von 56 Verurteilten in Fällen dieser Art pakistanische Wurzeln haben, lässt für viele Beobachter nur den Schluss zu, dass die Polizei von Rochdale versagt habe, weil sie sich „vor ethnischen Befindlichkeiten gefürchtet“ habe, zitiert Chefermittler Sandy Guthrie (Jason Hughes) die Schlagzeilen: „Wenn diese Männer auf Kaution freikommen und wir nichts gegen sie in der Hand haben, dann gibt es Randale.“

Ermittler tun sich zunächst schwer, die Jugendlichen als Zeugen zu vernehmen. Als dann endlich der Prozess beginnt, haben Rechtsextremisten den Fall längst für sich entdeckt. Die Aufarbeitung der Verbrechen und des jahrelangen Behördenversagens in vielen Städten dauert bis heute an. Eines der Opfer gab vor wenigen Wochen der BBC ein Interview: „Am Ende habe ich die ,Pille danach‘ mindestens zweimal die Woche beim örtlichen Krankenhaus abgeholt – keiner hat je Fragen gestellt.“

Artikel 2 von 2