Ein Fall wie jeder andere?

von Redaktion

Zum Ende des NSU-Prozesses zeigt das Erste morgen ein Porträt der drei Verteidiger Beate Zschäpes

Von Dieter Paul Adler

Der Prozess ist für sie eine Karrierechance, die Prominenz der Angeklagten lässt auch sie automatisch prominent werden. Für Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm, die bisher Wirtschaftsbosse und und Islamisten verteidigten, ist die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe ein Fall wie jeder andere. „Unser Rechtsstaat ist nur dann stark, wenn Menschen wie Beate Zschäpe bestmöglich verteidigt werden“, sagt Anja Sturm. Für ihren Film „Heer, Stahl und Sturm“, zu sehen morgen um 0.05 Uhr im Ersten, hat Eva Müller die drei jungen Strafverteidiger seit 2013 durch einen der wichtigsten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte begleitet. Das Erste zeigt den Film in Abänderung des Programms morgen Abend um 0.05 Uhr.

Die heute 43-jährige Beate Zschäpe steht als mögliche Mittäterin der terroristischen, rechtsextremen Anschläge des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) in München vor Gericht. In dem Prozess, der schon mehr als fünf Jahre dauert, geht es um zehn Morde, zwei Bombenanschläge und 15 Raubüberfälle. Für die Angehörigen der Opfer ist dieses Verfahren viel mehr als ein Strafprozess. Sie haben die Hoffnung zu erfahren, wieso gerade ihre Väter, Brüder und Söhne sterben mussten.

Haben Zschäpes Anwälte die persönlichen Risiken unterschätzt? Nicht zum ersten Mal werden Verteidiger in den Augen vieler Beobachter zu „Komplizen“, zu Menschen, die die Taten ihrer Mandanten implizit gutheißen. Zu Beginn ist die Stimmung angriffslustig und optimistisch. „Welche Risiken sehen Sie für sich, Ihre Kanzlei, Ihre Familien?“, wird gefragt. „Überhaupt keine!“, lautet die Antwort damals. Doch dass Wolfgang Heer und seine Kollegen gemäß ihrer Funktion allein die Interessen Zschäpes vertreten, wird einen Preis haben.

Die Kamera ist dabei, als schon kurz nach Prozessbeginn im Sommer des Jahres 2013 der Umzugswagen wegen des „Killermandats“ kommt. Anja Sturm zieht es vor, Berlin zu verlassen. Am selben Tag räumt sie die Akten in die Kanzlei von Wolfgang Heer und öffnet den ersten Bedrohungsbrief unter neuer Anschrift: „Willkommen in Köln. Freuen Sie sich schon mal auf die, die da kommen werden. Erst im Geiste die Toten und dann die Lebenden, die ein Messer oder etwas anderes mitbringen werden.“

Doch auch das Verhältnis zwischen der Angeklagten und ihren drei Verteidigern ist schon bald zerrüttet. Nach rund einem Jahr entzieht Zschäpe Heer. Stahl und Sturm das Vertrauen, ein Jahr später beantragt das Trio seinerseits die Entpflichtung, weil „eine ordnungsgemäße Verteidigung“ nicht mehr möglich schien. Das Gericht lehnt beide Anträge ab.

„Heer, Stahl und Sturm“ versteht die ARD als Geschichte hinter der Geschichte des NSU-Prozesses, in der es wenige um die Hauptangeklagte als um ihre Verteidiger geht. Es ist der Versuch einer Antwort auf die Frage, wie fair eine Gesellschaft reagiert, wenn sie auf diese Weise von mutmaßlichen Rechtsterroristen angegriffen wird. Wie erleben das die, die „das Böse“ verteidigen? Die sich, wie es ihre Kollegen schon zu Beginn des Prozesses formulierten, „für die falsche Seite entschieden“ haben?

Zu diesem Thema

zeigt die ARD ferner die Doku „Das Terrornetz – Zschäpes Helfer vor Gericht“ von Heiner Hoffmann, Marcus Weller und Markus Rösch (heute, um 23 Uhr) sowie einen „Brennpunkt“ mit Christian Nitsche morgen um 20.15 Uhr. Bereits am Morgen ab 9.55 Uhr meldet sich Andreas Bachmann live aus München. Der Titel der Sendung lautet „Das Urteil – Die Verbrechen des NSU“.

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