Wenn Münchner Polizisten berlinern

von Redaktion

Warum authentische Mundart in der Kultkrimireihe lange eine Seltenheit war – und in vielen Fällen bis heute ist

Von Rudolf Ogiermann

„Ick musste ihn laufen lassen“, sagt, mit Berliner Akzent, der von Uwe Preuß gespielte Revierleiter in diesem Münchner „Tatort“ zu seinen Kollegen. Es geht um Gewalt gegen und von Polizisten in der fünf Jahre alten Folge mit dem Titel „Macht und Ohnmacht“, die das Erste am Sonntag um 20.15 Uhr nochmals zeigt. Doch wer über die eigentliche Geschichte hinwegsieht und vor allem -hört, muss feststellen, dass in diesem Krimi keiner der Beamten, deren frustrierender Alltag hier erzählt wird, Bairisch spricht. Anders als in der Realität, wie eine Sprecherin der Münchner Polizei auf Anfrage versichert. Da ist die Mundart üblich, wie man auch ihr selbst sofort anhört: „Des ziagt se durch alle Dienststell’n!“. Der „Tatort“ des Bayerischen Rundfunks – eine dialektfreie Zone?

Für Stephanie Heckner, für die Folgen aus München und für den Franken-„Tatort“ zuständige Redaktionsleiterin, ist das längst Geschichte: „Mein Eindruck ist, dass wir uns in den vergangenen Jahren sehr um die Dialektpflege im ,Tatort‘ gekümmert haben“, so Heckner im Gespräch mit unserer Zeitung: „Mir ist das ein wichtiges Anliegen und unseren Hauptdarstellern auch.“ Tatsächlich lässt sich nicht bestreiten, dass der BR im Münchner Team inzwischen mehr Bayern beschäftigt. So sprechen mit Ferdinand Hofer (als Kalli Hammermann) und Stefan Betz (als Ritschy Semmler) zwei Assistenten Bairisch, auch die Besetzung von Robert Joseph Bartl als Dr. Matthias Steinbrecher entspricht ganz der „Tatort“-Tradition, die Rechtsmediziner in der Kultkrimireihe so reden zu lassen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Und mit dem gebürtigen Münchner Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec, der in Freilassing aufwuchs, hat der BR sogar bei den Chefermittlern seit Jahr und Tag zwei Oberbayern unter Vertrag.

„Wenn Figuren im Dialekt sprechen, schärft das ihren Charakter“, schwärmt Stephanie Heckner. Das scheint für den ebenfalls vom BR betreuten Franken-„Tatort“ nicht im gleichen Maß zu gelten, auch wenn die Macher darauf verweisen, dass mit Eli Wasserscheid, Andreas Leopold Schadt und Matthias Egersdörfer drei Franken neben den Hauptdarstellern Fabian Hinrichs (aus Hamburg) und Dagmar Manzel (aus Berlin) immer dabei sind. Die Darsteller der Episodenhauptrollen waren – sofern es sich um Deutsche handelte – in den vier bisher gesendeten Folgen dagegen im sprachlichen Niemandsland angesiedelt. Im jüngsten Fall „Ich töte niemand“ gar bildeten ein Dresdener, ein aus Chemnitz stammender Schauspieler und eine Österreicherin eine Familie – eine wilde Mischung.

Und doch scheint der Münchner Sender mit seinen Krimis noch eher Heimatgefühle wecken zu wollen als nebenan der Südwestrundfunk (SWR). Dem Slogan „Wir können alles – außer Hochdeutsch“ zum Trotz sucht man nach schwäbischen, alemannischen oder pfälzischen Klängen bei den Kommissaren vergeblich – sieht man vom dramaturgisch missglückten Ausreißer „Babbeldasch“ vom vergangenen Jahr einmal ab. Ulrike Folkerts (Ludwigshafen) stammt aus Kassel, ihr langjähriger Filmpartner Andreas Hoppe aus Berlin. Die beiden Stuttgarter Ermittler Richy Müller und Felix Klare wurden zwar im „Ländle“ geboren – anhören tut man es ihnen nicht. Gleiches gilt für die neuen Schwarzwälder Ermittler Eva Löbau (Waiblingen) und Hans-Jochen Wagner (Tübingen).

„Im SWR schätzen wir Dialekt als ein Mittel unter mehreren, um Geschichten authentisch zu erzählen“, sagt „Tatort“-Chef Manfred Hattendorf unserer Zeitung, allerdings „nicht als Selbstzweck und nicht um jeden Preis“. Man bemühe sich, Dialektsprecher in geeigneten Fällen für Episodenhauptrollen zu besetzen, im Zweifel jedoch „entscheiden wir uns eher für den besseren Schauspieler als für einen Dialektsprecher“. Schließlich sollen die Krimis „für ein breites Publikum verständlich sein“. Untertitel lehnt Hattendorf übrigens ebenso ab wie seine BR-Kollegin Heckner,

Gemäßigter (!) Dialekt als Quelle für Hörfehler und Missverständnisse? Verfolgt man Leserzuschriften auch an unsere Zeitung, so scheint die schlechte Aussprache der Schauspieler generell das Problem zu sein, nicht die – mehr oder weniger vertraute – Mundart. Die Fernsehmacher sehen bei diesem Mangel gerne die Technik, etwa veraltete Geräte beim Zuschauer, als Ursache an – und nicht etwa schlechte Sprechausbildung bei den Akteuren. Und lassen einstweilen wohl auch künftig den Bauern, Handwerker, Lehrer oder Banker zwischen Schwarzwald und Fränkischer Schweiz mit Berliner Akzent sprechen.

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