Rötlich-blonde Perücke, dunkle Sonnenbrille. So trat Ingrid Caven erst vor wenigen Monaten als Pariser Herzogin auf, die 1774 die sexuelle Freiheit nach Deutschland bringen wollte. Eigentlich spielt Caven kein Theater mehr. Aber wegen des Stoffes des an der Berliner Volksbühne aufgeführten Stücks „Liberté“ und für den Autor und Regisseur Albert Serra hat sie eine Ausnahme gemacht. Ihr habe das Thema gefallen und der Regisseur, wie die Schauspielerin in einem „Welt“-Interview sagte. Außerdem sei er ein attraktiver Mann. Heute wird Caven 80 Jahre alt – und wehrt sich noch immer gegen gängige Moralvorstellungen. Sie habe dafür gekämpft, dass man schlafen könne, mit wem man wolle, sagte sie in dem Interview weiter. Wichtiger sei die Frage gewesen, ob man sich mit ihm – oder mit ihr – verstehe.
Bekannt wurde Caven durch ihre Filme mit Rainer Werner Fassbinder, mit dem sie verheiratet war. Ihre Ehe mit dem homosexuellen Filmemacher hielt jedoch nur zwei Jahre, von 1970 bis 1972. Ihre erste Rolle in einem Fassbinder-Film spielte Caven 1969 in „Liebe ist kälter als der Tod“. Zwischen Ende der Sechziger- und Anfang der Achtzigerjahre trat sie in mehr als zehn Fassbinder-Produktionen auf. Die Rollen, die der Regisseur ihr gegeben hat, waren vor allem Nebenrollen. Er habe nicht gewollt, dass sie arbeite. Er habe sie immer bei sich haben wollen, erinnert sich Caven, die mit dem Melodram „La Paloma“ von Daniel Schmid international bekannt wurde, in dem sie eine Nachtclubsängerin spielt.
Mit ihrem Umzug nach Paris Ende der Siebzigerjahre begann für die gebürtige Saarbrückerin ihre Ära als Chansonsängerin. Das Gehirn dürfe sich nicht langweilen, sonst werde man depressiv, begründet sie ihre Doppelkarriere. In Frankreich wurde sie mit ihrer rauchigen Stimme und lasziven Haltung mit Diven wie Edith Piaf und Marlene Dietrich verglichen, in Deutschland und den USA galt sie als „Stimme der Achtzigerjahre“.
Caven, die in einem musikalischen Elternhaus aufwuchs, lebt heute mit dem Franzosen Jean-Jacques Schuhl in Paris. Der Schriftsteller hat sie im Jahr 2000 zu einer Romanheldin gemacht. In dem Werk gibt Schuhl tiefe Einblicke in Cavens Leben – Ihre Kontakte zu Pop-Art-Künstler Andy Warhol, dem Modezaren Yves Saint Laurent, Affären, Drogen und ihre Verbindungen zu den Vorläufern der Rote Armee Fraktion (RAF). Nichts wird verheimlicht. So sei eben ihr Leben gewesen, meinte sie nach der Veröffentlichung. Sie habe alles ausprobieren wollen.