Ein Krimi, bei dem die Leiche fast eine Stunde auf sich warten lässt? Der 88 Minuten fast nur in einem einzigen Gebäude spielt? Wie spannend das sein kann, zeigt der „Tatort“ mit dem Titel „Die Musik stirbt zuletzt“ an diesem Sonntag (20.15 Uhr) im Ersten. Ein szenischer Kniff nimmt die Zuschauer dabei nämlich hautnah mit ins Geschehen: Die ganze Handlung ist mit einer einzigen Kamera ohne Unterbrechung durchgefilmt. Der Kameramann läuft den Schauspielern hinterher, das Bild wackelt manchmal, und genau das vermittelt das Gefühl, beim Verbrechen live dabei zu sein.
Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) ist privat bei einer eleganten Benefiz-Gala im Konzertsaal von Luzern. Plötzlich torkelt der Klarinettist des Orchesters von der Bühne. Er überlebt zwar, aber dass es ein Giftanschlag war, ist schnell klar. Sofort tun sich die Abgründe rund um den Mäzen und Israel-Freund auf, der das Konzert gesponsert hat.
Ritschard ermittelt im lachsfarbenen Abendkleid. Den Kollegen Reto Flückiger (Stefan Gubser) holt sie vom Fußballplatz, und er geht in Trikot, kurzen Hosen und Badelatschen auf Verbrecherjagd. Denn sie glauben, dass der Täter gleich noch einmal zuschlagen wird.
Der Regisseur wirft ein paar Nebelkerzen: Zwei Frauen wird es plötzlich übel, und die Kamera macht auch vor dem Erbrechen auf der Damentoilette nicht halt. Zwielichtig erscheinen auch Lovings immer noch loyale Ex-Frau (Sibylle Canonica) und seine Juristin (Uygar Tamer).
Schließlich gibt es noch mindestens einen Mord, vielleicht auch zwei, und einen Todeskampf vor der Kameralinse. Dass es nicht zu beklemmend wird, dafür sorgt Lovings Sohn Franky (Andri Schenardi). Mit sarkastischen Einwürfen und dem Blick direkt in die Kamera holt er die Zuschauer immer wieder auf das sonntägliche „Tatort“-Schauen auf dem Sofa zurück. „Lächerlich, deshalb mag ich keine Krimis“, sagt er an einer Stelle. „Statt zu sagen, bei wem sie das Gift gefunden haben, macht die Regie einen auf Spannung.“
88 Minuten ohne Unterbrechung zu filmen, war für die Macher eine Herausforderung. „Man konnte nicht abbrechen oder aufgeben, es galt die Unerbittlichkeit des Moments“, sagt Regisseur Levy. Kameramann Filip Zumbrunn musste die Unterarme trainieren, um die Kamera 90 Minuten halten zu können. Die Schauspieler mussten improvisieren. Herausforderungen, die auf allen Seiten zu Höchstleistungen angetrieben haben.