Seit fast 20 Jahren ermittelt Dietmar Bär als Kommissar Schenk im Kölner „Tatort“ und ist einer der größten Publikumslieblinge der Reihe. Ab und an gönnt sich der 57-Jährige aber eine Arbeit, die ihn in einer ganz anderen Rolle zeigt – so wie heute Abend. In dem ZDF-Drama „Für meine Tochter“ (20.15 Uhr) spielt er einen Apotheker, der nach dem Tod seiner Frau den Halt im Leben verloren hat. Als sich seine Tochter Emma heimlich auf den Weg nach Syrien macht und dabei spurlos verschwindet, bricht seine Welt vollends zusammen. Er begibt sich auf die Suche im Kriegsgebiet.
-Ihr Film feierte auf dem Münchner Filmfest Premiere – auch, weil die Verantwortlichen der Meinung waren, die Leute müssten mal wieder sehen, was Dietmar Bär alles kann.
Oha!
-Freut Sie das?
Ehrliche Antwort? Es geht so. Ich nehme das auf der einen Seite schon an, dass Ihr Journalisten oder in diesem Fall die Filmfest-Macher in mir vor allem den „Tatort“- Kommissar Freddy Schenk sehen. Wenn ich dann mal was anderes spiele, heißt es: „Oha. Der kann ja auch was anderes!“ Aber dann denke ich mir: Ich bin doch Schauspieler und nicht Kommissar. Es ist mein Job, verschiedene Rollen zu spielen, und ich mag nicht jeden Film, den ich drehe, in Relation zum „Tatort“ stellen. Mir wäre es deutlich lieber, wenn es den Leuten – und den Journalisten! – mehr um den Film an sich ginge. Besonders in diesem Fall. Denn ich finde es bemerkenswert, in diesen Zeiten so ein Fernsehspiel hinzukriegen wie „Für meine Tochter“.
-Inwiefern?
Es gibt nicht so viel zu dem Thema. Vielleicht, weil die Problematik vom Alltag der Menschen – und da schließe ich mich durchaus mit ein – sehr weit weg ist. Durch die Dreharbeiten war ich aber auf einmal mittendrin – auch wenn wir natürlich nicht wirklich in Syrien drehen konnten, sondern in Marokko.
-Hat der Film Ihre Sicht auf die Flüchtlingskrise verändert?
Ich habe tatsächlich noch öfter darüber nachgedacht, wie Gast-unfreundlich manche Menschen sein können. Angefangen von der Re- gierung in diesem schönen Land Bayern. Man weiß doch, dass über 90 Prozent der Geflüchteten Sachen auf sich genommen haben, die wir uns gar nicht vorstellen können. Viele waren monatelang auf der Flucht, haben alles in ihrer Heimat aufgegeben, und dann muss ich mir dieses zynische Wort „Asyltourismus“ aus dem Mund eines Ministerpräsidenten anhören… Das finde ich beschämend!
-An einer Stelle sagen Sie als Benno Winkler im Film über die Tochter: „Ich spüre nicht, dass sie tot ist.“
Das ist ein berührender Moment, oder? Und ich kann mir vorstellen, dass es so etwas gibt – obwohl ich selbst ja meines Wissens keine Kinder habe. Aber wenn ich mit Eltern spreche, dann sagen die mir immer, dass diese Beziehung als Vater oder Mutter zu einem Kind eine ganz besondere ist, eine andere Liebe als Beziehungsliebe. Von daher finde ich diese Szene von Benno Winkler sehr schön. So einen kleinen Schuss Spiritualität kann man ja auch mal aufbringen.
-Kann so ein Film die Zuschauer aufrütteln?
Ich weiß gar nicht, ob das die Aufgabe ist. Ich glaube, das kann Fernsehen nicht leisten. Wir machen gute Unterhaltung, nicht mehr und nicht weniger, und ganz gleich, ob das an einem Sonntagabend in der ARD stattfindet wie beim „Tatort“ oder an einem Mittwoch im ZDF wie bei unserem Film jetzt. Wichtig ist doch, dass es überhaupt noch Fernsehspiele dieser Art gibt. Das wird immer weniger und immer schwieriger.
-Woran liegt’s?
Na, Sie sehen doch, was wir im Fernsehen so senden. Es gibt ja nur noch Krimis! Wenn ich mein Ohr an die Zuschauer da draußen halte, dann höre ich darüber schon eine allgemeine Verunsicherung und die Frage, ob es nicht noch etwas anderes geben muss außer Mord und Totschlag. Früher gab es mindestens zwei Mal im Monat ein sogenanntes sozialkritisches Fernsehspiel. Der WDR, mein Haussender, war dafür sehr bekannt. Aber es wird immer weniger. Und ich persönlich finde das sehr schade.
Das Gespräch führte
Stefanie Thyssen.