Vielleicht war es ja ein abgekartetes Spiel, als Deutschlands erste Sportmoderatorin auch den ersten Shitstorm der Fernsehnation entfachte. Ein halbes Jahr, nachdem die „Bild“ ihr Debüt im „aktuellen Sportstudio“ schon vor der Sendung verrissen hatte, sagte Carmen Thomas am 21. Juli 1973 „Schalke 05“ und erzeugte damit jene Protestflut, die sie im besseren Fall an den Herd wünschte, im schlimmeren zur Hölle. Die Siebziger halt: Homosexualität war illegal, die eigene Frau zu vergewaltigen nicht, und ob sie arbeiten durfte, entschied am Ende der Mann. Vielleicht hat sich Carmen Thomas also gar nicht versprochen, vielleicht wollte sie aufrütteln. Wie bitter nötig das bis heute ist, dafür muss man nur mal jenen Hass betrachten, den die einzige Kommentatorin des deutschen Profifußballs, Claudia Neumann, bei der WM geerntet hat. Ein Hass, den ihre ZDF-Kollegin Dunja Hayali aus dem Politikressort schon deshalb gut kennt, weil sie nicht nur feminin ist, sondern auch noch persischen Ursprungs. Nicht gerade die beste Voraussetzung, um das zweitwichtigste Hochamt des liebsten Zeitvertreibs im Land zu moderieren. Vielleicht, scherzt Dunja Hayali 35 Jahre nach dem umstrittenen Debüt ihrer Vorgängerin, „sollte ich mich zum Einstand mit 1. FC Bayern München versprechen“. Wenn Dunja Hayali an diesem Samstag um 23 Uhr zum ersten Mal das „Aktuelle Sportstudio“ leitet und der dritten Welle weiblicher Emanzipation damit die nächste Frau in männlicher Bastion verpasst, ist sie darin ja keinesfalls so normal wie es im 21. Jahrhundert sein sollte. Seit Christine Reinhart, Doris Papperitz, spätestens aber Monica Lierhaus der gelernten Sportjournalistin aus Datteln den Weg zu den Wurzeln geebnet haben, herrscht auch im Fußball zusehends Gleichberechtigung. „Dennoch scheinen Frauen immer noch als Fremdkörper wahrgenommen zu werden.“ Ein einziger Fehler, das weiß auch Dunja Hayali, „und die Nation dreht hohl“. Umso mehr wird sie sich hüten, ihn – irrtümlich oder scherzhaft – zu machen.
Besonders für Dunja Hayali ist „Das aktuelle Sportstudio“ schließlich nicht nur Job, sondern Berufung. Gleich nach dem Sportstudium in Köln berichtet sie ab Ende der Neunzigerjahre vom Regionalsender tv.nrw bis zur Deutschen Welle über ihr Fachgebiet. Der Wechsel zur „heute“-Redaktion und ins ZDF-„Morgenmagazin“ mag den Fokus ab 2007 zwischenzeitlich auf die große Politik lenken. Doch wen wie die glühende Gladbach-Anhängerin von Kindheit an alles interessiert, „was mit Bällen gespielt“ und darin auch noch medial ausgebildet wird, kommt davon naturgemäß nur schwer los. „Wer zehn Jahre lang nur noch Fan ist“, beteuert sie in einem Straßencafé ihres geliebten Kreuzberger Heimatkiezes, verabschiede sich zwar irgendwann von Kindheitsträumen – „das gehört zum Erwachsenwerden dazu“. Aber wie sie das sagt, mit diesem hingebungsvoll aufgeschlossenen Blick unterm dunklen Wuschelkopf, da spürt man: Ihr Traum war auch mit 44 nie ganz ausgeträumt. Und so steht sie zwei Tage vorm 55. Geburtstag der zweitwichtigsten Sportsendung im deutschen Fernsehen unter der berühmten Bahnhofsuhr am Mainzer Lerchenberg und will zu Max Gregers 55 Jahre alter Eröffnungsfanfare zwar alles gut, aber wenig anders, geschweige denn besser machen. „Erstens hat es das ,Sportstudio‘ nicht nötig, zweitens wäre es gegenüber den Kollegen arrogant, drittens kann ich nicht machen, was ich will.“
Trotzdem erwartet Reaktionsleiter Thomas Fuhrmann von der Bundesverdienstkreuzträgerin mit eigener Talkshow und gewaltigem Renommee natürlich noch ein kleines bisschen mehr an soziokultureller Tiefe als von Sven Voss, Katrin Müller-Hohenstein, Jochen Breyer. Themen wie Rassismus, Korruption, Doping haben die Trennwand zur großen Politik schon weit vor Dunja Hayalis Traumjobangebot perforiert. Doch mit der streitbaren Topjournalistin im (endlich mal paritätisch besetzten) Team wird all dies gewiss noch ein bisschen zentraler im „Aktuellen Sportstudio“. Weil sie nicht nur, pardon, leicht exotisch aussieht, sondern auch noch meinungsstark, tendenziell linksliberal und „sexuell flexibel“ ist, wie sie selbst ihr Liebesleben umschreibt, haben all die Hass-Trolle des Internets ihre Tastaturen da gewiss längst in Gift und Galle getränkt.
Doch wenn Dunja Hayali mit etwas zurechtkommt, dann sind es die Drecksstürme der Empörungsdemokratie. Außer im Stadion oder am Fernseher, wenn Mönchengladbach spielt, ihre Borussia. „Abgesehen vom Surfen ist dieser Zeitraum fast der einzige im wachen Zustand, wo ich alle Aufgaben, Probleme, Sorgen, Shitstorms vergessen kann.“ Fußball sagt sie – und schmeißt virtuell fünf Euro ins Phrasenschwein – „ist einfach die schönste Nebensache der Welt“. Mit Dunja Hayali im Studio wird sie jedoch ein wenig mehr zur Hauptsache.