Albtraum Schule

von Redaktion

Die „37-Grad“-Reportage „Lehrer am Limit“ porträtiert Pädagogen in ihrem immer stressiger werdenden Berufsalltag

Von Dieter Paul Adler

Lehrer hätten einen „Halbtagsjob“ und obendrein auch noch dauernd Ferien – eine weit verbreitete Meinung. Können sie also jemals „am Limit“ sein? Eine ZDF-Reportage aus der Reihe „37 Grad“, zu sehen heute um 22.15 Uhr, formuliert genau diese These. Die beiden Protagonisten des Films von Daniela Agostini, zwei durchaus stabil wirkende Pädagogen, gewähren Einblicke in ihren Schulalltag – und wirken dabei alles andere als weinerlich. Im Gegenteil.

Und doch nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Man müsse sich „einen Panzer zulegen“, erläutert Christof B. (48) aus Dortmund seine Strategie, ruhig zu bleiben, auch wenn einzelne Schüler permanent den Unterricht stören. Längst sind Lehrer nicht mehr nur Wissensvermittler, sondern auch Erzieher. Viele Schüler haben einen Migrationshintergrund. Christofs Kollegin Julia W. (42) aus Kassel wird grundsätzlich: „Man kann nicht Integration und Inklusion in die Schulen stopfen, ohne Schule grundlegend zu verändern.“

Auch in Bayern sind viele Lehrer „am Limit“, klagen über wachsende Disziplinlosigkeit, Ablenkung durchs allgegenwärtige Smartphone, Lehrpläne, die der Leistungsfähigkeit der Schüler nicht mehr gerecht werden. Hinzu kommen Probleme mit überbesorgten Eltern, die für ihre Kinder das Beste herausholen wollen, auch bei den Noten, und die, wenn der Schnitt nicht stimmt, auch schon einmal mit dem Anwalt drohen.

Dass Lehrerinnen und Lehrer gestresster sind als früher, bestätigt auch Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), gegenüber unserer Zeitung. So wie die Gesellschaft immer komplexer werde, werde auch die Schule immer komplexer. Dass ihre Kolleginnen und Kollegen frustriert sind, kann die BLLV-Chefin nachvollziehen: „Wenn du jeden Tag nach Hause fährst im Bewusstsein, deinen Schülern nicht gerecht geworden zu sein, dann macht dich das unzufrieden.“

Die Zahlen dazu sind alarmierend, jüngsten Studien zufolge gibt ein Drittel aller Lehrkräfte an, unter zu hohen Belastungen zu leiden – das wären in Bayern hochgerechnet immerhin 38 000 Personen. Und sogar 40 Prozent fühlen sich oft nach der Arbeit „leer und ausgebrannt“.

Für Dieter Kleiber, Gesundheitswissenschaftler an der Freien Universität Berlin, sind diese Zahlen keine Überraschung. Von chronischer Erschöpfung betroffen seien vor allem Menschen, die mit Menschen arbeiteten: „Lehrer erweisen sich hier in der Tat als besonders vulnerable Gruppe.“ Überhöhtes Engagement bei gleichzeitig geringer Fähigkeit, in der Freizeit abzuschalten, seien typische Anzeichen für einen drohenden Burnout. „Frauen scheinen stärker belastet zu sein als Männer und Lehrkräfte über 55 stärker als jüngere“, so Kleiber.

Was der Wissenschaftler zur Prävention vorschlägt, klingt selbstverständlich: „Schulleitungen, die eine Identifikation mit der Einrichtung ermöglichen, ein als hoch erlebter Handlungsspielraum sowie ein kooperatives Team.“ BLLV-Chefin Fleischmann sieht ebenfalls Handlungsbedarf: „Wir müssen das Image der Schule verbessern, sonst gehen uns irgendwann die Lehrer aus.“

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