Es ist der letzte Sommer vor der Wende in der DDR. Ein Haufen schräger Vögel lebt auf der Insel Hiddensee vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns zwischen FKK und Schießbefehl. Die Künstlerkolonie wird von einem seltsamen Philosophen namens Alexey Krusowitsch, genannt Kruso, angeführt. Als die Mauer fällt, zerbricht der idyllische Mikrokosmos, doch nicht alle kommen mit der neuen Freiheit zurecht. Lutz Seilers Roman „Kruso“, im Jahr 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, gilt als eines der großen Werke über das Ende der DDR – und als nur schwer verfilmbar. Die ARD hat daraus nun das gleichnamige Wendedrama gemacht, das heute um 20.15 Uhr läuft und als Romanadaption bestehen kann.
Thomas Stubers Film spielt im Sommer 1989 und folgt dem jungen Edgar (Jonathan Berlin), genannt Ed, auf die Insel Hiddensee. Hier tummeln sich tagsüber Touristen am Strand, nachts finden Fluchtversuche über die Ostsee statt, denn der Westen ist nicht weit. Nur die wenigsten schaffen es. Germanistikstudent Ed, der seit dem Tod seiner Freundin traumatisiert ist, kommt ins Ferienheim „Zum alten Klausner“, einem Auffangbecken für Menschen, die mit der DDR nicht klarkommen.
Ihr Anführer ist Kruso (Albrecht Schuch), der hier sein eigenes Utopia gebastelt hat. Jede Nacht sammelt er am Strand Fluchtwillige auf und bringt die am DDR-System Gescheiterten zum „Klausner“, versorgt sie mit Soljanka und mit Literatur, die ihnen zu denken geben soll. Sie sollen die Freiheit in sich selbst suchen, nicht jenseits der Grenze und dabei ihr Leben riskieren. Klar, dass es mit Kruso kein gutes Ende nimmt, als die Mauer fällt und seiner Kommune die Bewohner weglaufen, weil sie ihre Freiheit letztlich doch lieber im Westen suchen.
Autor Lutz Seiler hat seine Laufbahn als Lyriker begonnen, und das merkt man seinem Roman „Kruso“ an. Er ergeht sich darin oft in detailreichen Beschreibungen, und viele Leser haben ihm diese Weitschweifigkeit vorgeworfen. Kann man ein so poetisches Buch für ein großes Fernsehpublikum verfilmen? Regisseur Thomas Stuber fokussiert das Geschehen, kommt viel schneller auf den Punkt, doch sein Film bleibt trotzdem enorm atmosphärisch. Der Galgenhumor der Gestrandeten im „Klausner“, Eds stundenlanges Zwiebelschneiden unter sengender Sonne als Initiationssritual, die Kiefernwälder – das ist fast schon malerisch. Nur dass die Insulaner beim Ostseestrandspaziergang von Uniformierten mit Maschinenpistole kontrolliert werden: „Meldeschein! Quartiernachweis!“
Hiddensee galt in der DDR als Oase für Andersdenkende und Aussteiger, die im Sommer oft in Hotels, Restaurants oder als Rettungsschwimmer am Strand arbeiteten. Künstler und Wissenschaftler zogen sich auf die Insel zurück, genossen das intellektuelle Klima, wurden aber von der Stasi überwacht. Auch Lutz Seiler arbeitete im Wendesommer als Tellerwäscher auf der Insel, verarbeitete in seinem Roman eigene Erlebnisse.
Er zeigt sich sehr zufrieden mit der Fernsehadaption, die in seinen Augen eine ungeahnte Aktualität bekommen hat: „Das Meer als Grenze und Ort des Sterbens war im Roman ein Thema, als es die Mittelmeerfluchten noch nicht gab, das ist dem Film als aktueller Kontext zugewachsen.“ Das Drehbuch schrieb Thomas Kirchner, der auch schon Uwe Tellkamps „Der Turm“ fürs Fernsehen adaptierte. MDR-Intendantin Karola Wille stellt „Kruso“ in eine Reihe mit „Der Turm“ oder der DDR-Serie „Weißensee“ und wirft zugleich die rhetorische Frage auf: „Brauchen wir wirklich noch einen Film über das Ende der DDR?“ Wer „Kruso“ gesehen hat, wird diese Frage nicht stellen.