Falschmeldungs-„Terror“

von Redaktion

„JEDES WORT WERT“ Verlegerkampagne für die Zeitung als Garant für Seriosität wird fortgesetzt

VON RUDOLF OGIERMANN

„Terroranschlag in Mannheim“, meldete eine Internetseite namens „Rheinneckarblog“ am 25. März dieses Jahres und behauptete, es habe 136 Tote und 237 Verletzte gegeben. Die 50 Angreifer hätten ein „Blutbad apokalyptischen Ausmaßes“ angerichtet. Die Polizei dementierte sofort energisch, eine Panik in der Bevölkerung wurde so vermieden. Der „Redaktionsleiter“ des Blogs, Hardy Prothmann, verteidigte den Artikel mit den Worten: „Wir haben Fake News veröffentlicht, die morgen schon reale News sein könnten.“

Eine Meldung, wie sie Alltag geworden ist in Deutschland. Unter dem Vorwand, zu berichten, was die „Systemmedien“ verschweigen, üben sich selbst ernannte Berichterstatter in den Sozialen Netzwerken und auf obskuren Internetseiten im Verbreiten von Nachrichten, deren Quelle nicht geprüft wurde – oder sie erfinden sie gleich selbst, um ihre Leser zu verunsichern. Diesem Trend wirkt der Verband der Bayerischen Zeitungsverleger (VBZV) seit dem vergangenen Jahr mit einer großen Kampagne entgegen. Unter dem Motto „Jedes Wort wert“ soll der hohe Stellenwert der Zeitung in den Fokus gerückt werden.

„Die Tageszeitung ist ein Garant für professionelle, unabhängige und seriöse Berichterstattung und damit auch ein Schutzschild der Demokratie“, sagt Markus Rick, Hauptgeschäftsführer des VBZV: „Das müssen wir im Zeitalter von Fake News und Hasskommentaren noch viel deutlicher machen.“ Basis der Kampagne, die jetzt in die zweite Runde geht, sind fünf Anzeigenmotive, die in den teilnehmenden Publikationen – unter anderem auch unsere Zeitung – zeitgleich erscheinen und fünf zentrale Aussagen beinhalten. „Lügen das Handwerk legen“, sagt da beispielsweise ein Schreiner. Und eine Joggerin stellt fest: „Fake News verpesten das Klima!“ Sätze, die laut VBZV die Funktion der Zeitung unterstreichen, „relevante Themen aus einer Flut von Informationen herauszufiltern und so eine wertvolle Orientierungshilfe zu geben“.

Dass Facebook und andere Soziale Netzwerke als Nachrichtenquelle die etablierten Medien überflügeln, scheint nach Umfragen wenig wahrscheinlich. Nur noch 13 Prozent der Deutschen stimmen laut einer Studie der Universität Mainz der Aussage zu, die Bevölkerung werde von den Medien „systematisch belogen“. Ein Jahr zuvor waren es noch 20 Prozent. Generell wachse das Vertrauen der Bürger in die Medien wieder. Immerhin 42 Prozent vertrauen ihnen demnach voll und ganz, nur 17 Prozent misstrauen ihnen, 41 Prozent fühlen sich keiner der beiden Gruppen zugehörig.

Der Eindruck, dass die Mehrheit der Bevölkerung den Medien skeptisch gegenüberstehe, stimme nicht, schreiben die Autoren der Studie. Die Vertrauensbasis sei relativ stabil. Das bezieht sich vor allem auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk – sowohl Fernsehen als auch Radio – und die Tageszeitungen. Internetangebote im Allgemeinen halten nur noch zehn Prozent der Leser für vertrauenswürdig. Das ist ein Rückgang zum Vorjahr um 14 Prozentpunkte. Nachrichten aus den Sozialen Netzwerken glauben gar nur noch zwei bis drei Prozent.

Keine gute Perspektive für Portale wie den schrägen „Rheinneckarblog“, bei dessen „Terrormeldung“ die Staatsanwaltschaft Mannheim keinen Spaß verstand. Betreiber Prothmann erhielt im Juli vom Amtsgericht der baden-württembergischen Stadt einen Strafbefehl über 9000 Euro. Der Beitrag sei nicht für alle Leser als frei erfunden erkennbar gewesen, so die Staatsanwaltschaft. Er sei somit geeignet gewesen, den öffentlichen Frieden zu stören. Prothmann kommentierte die Entscheidung mit den Worten, die Justiz verfolge damit „politische Ziele gegen einen auch für sie unbequemen Journalisten“. Auch der Deutsche Presserat sprach eine Rüge aus. Prothmann habe „dem Ansehen der Presse massiv geschadet“.

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