Auf den Spuren des jüdischen Volkes

von Redaktion

„Exodus?“ beleuchtet im ZDF die Historie des Judentums und die Zunahme des Antisemitismus

VON MICHAEL SCHLEICHER

Am Freitag jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Das Gedenken an die von den Nazis organisierte Hatz auf Juden und die Zerstörung ihrer Synagogen und Geschäfte in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Antisemitismus kein historisches Phänomen ist. Leider genügt schon der oberflächliche Blick in Zeitungen und Nachrichtensendungen, um festzustellen, dass der Hass auf Juden eines der drängenden aktuellen Probleme ist. Ein Hass übrigens, der Rechte, Linke und Islamisten eint. Die bittere Folge: Viele jüdische Menschen haben heute in Europa das Gefühl, keine Zukunft zu haben.

Hier setzt die zweiteilige Dokumentation „Exodus?“ ein, die das ZDF an diesem Sonntag (19.30 Uhr) und am Dienstag (20.15 Uhr) zeigt. Der Sender möchte in den je 45-minütigen Folgen eine Bestandsaufnahme des Antisemitismus liefern und dessen Traditionen aufzeigen. Ebenso soll die Geschichte des jüdischen Volkes erzählt werden. Natürlich ist das viel zu viel Stoff für dieses Format – doch die Macher erheben klugerweise keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Tiefenschürfung. Und wie bei manchem Film der „Terra X“-Reihe ist die Musik mitunter pathetisch, sind die Spielszenen allzu unbeholfen und steif. Was „Exodus?“ jedoch liefert, ist ein anschaulicher, auch unterhaltsamer Abriss jüdischer Geschichte und einige erhellende Schlaglichter auf die mosaische Religion.

Durch Gero von Boehms Film führt Cambridge-Professor Christopher Clark. Er ist der Mann für Historisches beim ZDF und beginnt seine Spurensuche in Israel mit der Ausgangsthese: „Die Schriften der Juden und ihre Kultur haben vor allem Europa tief geprägt.“ Clark, wegen mancher These zum Ersten Weltkrieg in seinem Bestseller „Die Schlafwandler“ (2013) nicht unumstritten, reist von Jerusalem nach Deutschland, Tschechien, Ungarn, Frankreich: Er besucht historische Plätze des Judentums ebenso wie Orte aktuellen jüdischen Lebens und Tatorte antisemitischer Übergriffe. Gut gewählt hat die Redaktion Clarks Gesprächspartner, darunter Historikerin Stefanie Schüler-Springorum, Historiker und Rabbiner Andreas Nachama, Direktor der Stiftung „Topographie des Terrors“, und Daniel Knoll, Sohn der Shoah-Überlebenden Mireille Knoll. Die 85-Jährige wurde heuer im März in ihrer Pariser Wohnung ermordet. Das Tatmotiv: Judenhass.

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