Wenn diese Serie selbst einen Duft verströmen könnte, es wäre eine aufregende Mischung aus scharfem Chili und stechendem Ammoniak, metallisch riechendem Blut, aromatischem Zimt, betörender Rose und – leckerem Plätzchenteig. Ein paar Tropfen davon, und man will mehr. Das liegt zuallererst an dem besonderen Drehbuch, das Eva Kranenburg da gelungen ist. Denn das hier, zu sehen ab heute um 22 Uhr bei ZDF Neo, ist keine filmische Nacherzählung von „Das Parfum“, dem Weltbestseller von Patrick Süskind, der im 18. Jahrhundert spielt, und auch keine Übertragung in die Jetztzeit. Sondern ein überraschender Weiterdreh der Grundidee, die dem Roman innewohnt. Gewissermaßen die Essenz.
Welche Ingredienzien stehen auf dem Etikett des Süskind’schen Flakons? Sehnsucht nach Begehren, Macht – Liebe! Drehbuchautorin Kranenburg füllt sie in eine neue Flasche. Hebt sie heraus aus der Zeit von vor fast 300 Jahren, in der der Roman spielt, und hinein in unsere Gegenwart. Eine Gegenwart, in der nicht, wie es im Original heißt, „ein für moderne Menschen kaum vorstellbarer Gestank“ herrscht, in der die rohe Gewalt im Zusammenleben der Menschen nicht jeden Tag zu spüren ist. Die sterile Moderne übertüncht alles Unangenehme mit industriell gefertigten Pflegeprodukten. Das Menschsein, sozusagen den „inneren Gestank“ aber können wir auf Dauer nicht verbergen.
Um das zu verdeutlichen, geht Kranenburg weg von Süskinds Hauptfigur, jenem verrückten Parfümeur Jean-Baptist Grenouille, der im vorrevolutionären Frankreich auf der Suche nach Liebe den besten Duft der Welt kreieren will und dabei zum Serienmörder wird. Stattdessen erzählt sie von vier ehemaligen Internatsschülern und einer -schülerin, die sich alle in eben jenem Grenouille wiedererkennen – Roman Seliger (Ken Duken), seine Frau Elena (Natalia Belitski), Daniel Sluiter (Christian Friedel), Thomas Butsche (Trystan Pütter) und Moritz de Vries (August Diehl). Sie taten sich zu Schulzeiten zusammen, um auf der Suche nach Macht und Liebe mit dem Geheimnis des menschlichen Dufts zu experimentieren.
Mehr als 20 Jahre später steht das Quintett unter Mordverdacht an Jugendfreundin K., deren Leiche nackt mit tiefen Einschnitten unter den Achseln und im Intimbereich gefunden wird, der Schädel kahl rasiert – entnommen sind also genau jene Körperpartien, in denen besondere menschliche Duftstoffe produziert werden. „Ein sexueller Fetisch“, konstatiert Ermittlerin Nadja Simon (Friederike Becht), die mit dem verheirateten Staatsanwalt (Wotan Wilke Möhring) eine Affäre hat. „Hier war ein Meister am Werk“, erklärt später ein forensischer Mediziner: „Der Täter hat das ganze Untergewebe entfernt.“
Der Leichenfund ist der Ausgangspunkt für einen sechsteiligen Krimi, der über Gewalt und menschliche Triebe erzählt. Regisseur Philipp Kadelbach („Unsere Mütter, unsere Väter“) verzichtet auf allzu drastische Szenen, setzt vielmehr auf die Fantasie des Zuschauers. Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen. Dabei wird eine kalte graue Gegenwart auch bildästhetisch kontrastiert mit in warmen Farben gehaltenen Sequenzen aus dem Cliquendasein zu Schulzeiten.
Die Serie „Parfum“ ist eine Hommage an einen Klassiker der Weltliteratur, exzellent besetzt (die Jungschauspieler in den Rückblenden könnten nicht nur optisch die jüngeren Versionen der Erwachsenendarsteller sein) und mit dem Mut, gewöhnliche Sehstrukturen zu sprengen. Dufte!
ZDF Neo
zeigt die Serie in drei Doppelfolgen jeweils mittwochs um 22 Uhr. Alle Folgen sind ab sofort auch in der ZDF-Mediathek zu sehen.