Ende Legende

von Redaktion

Die ARD stellt aus Kostengründen die „Lindenstraße“ ein – Erfinder Geißendörfer ist bestürzt

VON STEFANIE THYSSEN

Wenn die Nachrichtenagenturen Eilmeldungen verschicken, dann muss es schon um etwas gehen. Das Aus für die „Lindenstraße“ war am Freitagmittag eine Eilmeldung wert – was einmal mehr unterstreicht, dass es sich bei der ARD-Serie um nichts weniger handelt als um ein großes Stück deutscher Fernsehgeschichte. Nach dann 35 (!) Jahren schmeißt das Erste diese Institution aus seinem Programm, im März 2020 wird die letzte Folge mit Mutter Beimer und Co. über die Bildschirme flimmern. Dann ist Schluss – aus Kostengründen!

Hans W. Geißendörfer, der Erfinder und langjährige Produzent der Serie, ist „bestürzt“, wie der 77-Jährige gegenüber unserer Zeitung erklärte. „Die ,Lindenstraße‘ steht für politisches und soziales Engagement, für Meinungsfreiheit, Demokratie, gleiche Rechte für alle und Integration, was in Zeiten von Rechtsruck und Ausländerfeindlichkeit wichtiger ist denn je“, sagte er auch im Namen seiner Tochter Hana, die in den vergangenen Jahren für die Produktion verantwortlich zeichnete. Geißendörfer erklärte außerdem: „Wir können nur unser Unverständnis zum Ausdruck bringen, dass die ARD es offenbar nicht mehr als ihren Auftrag sieht, die Serie fortzusetzen, zu deren Kern es gehört, diese Haltung zu vertreten.“ Klare Worte.

Und tatsächlich: Keine andere Serie hat so mutige Geschichten erzählt, so viele Tabus gebrochen, so vielen Randgruppen eine Stimme gegeben wie die „Lindenstraße“: Man denke nur an den ersten schwulen Kuss (Carsten und Robert, 1990, siehe auch Text rechts), an die ans Herz gehenden Geschichten von Flüchtlingen (Mary!), an die Sensibilisierung für die Immunschwächekrankheit Aids, an Pläne zum Bau einer Moschee, ans Abdriften junger Männer in die rechte Szene (Klausi Beimer!) und vieles mehr. Ganz zu schweigen von den zahllosen Hochzeiten, Scheidungen und Todesfällen.

Dass die „Lindenstraße“, die ja bekanntlich in München spielt, aber in Köln gedreht wird, eine „Ikone“ im deutschen Fernsehen ist, schreibt zwar auch ARD-Programmdirektor Volker Herres in einer Mitteilung des Senders. Doch dann kommt das große Aber: „Wir müssen nüchtern und mit Bedauern feststellen: Das Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie.“

Dass die Quoten in den vergangenen Jahren zurückgingen, ist richtig. Etwas über zwei Millionen Zuschauer hatte die „Lindenstraße“ zuletzt. Noch zum 25-jährigen Bestehen im Jahr 2010 lag die Zahl im Schnitt bei vier Millionen. Das Erfolgsrezept von einst verfängt offensichtlich nicht mehr. In einer Zeit, in der es im deutschen Fernsehen nichts gibt, was es nicht gibt, hat es ein Tabubruch einfach schwer. Und sei er noch so gut gemacht und liebevoll in Szene gesetzt wie einst in der „Lindenstraße“.

Programmhinweis:

An diesem Sonntag läuft Folge 1696 um 18.50 Uhr in der ARD. In „Der Mann im Aufzug“ wird unter anderem Angelina eine Freundin auf Nico ansetzen. Denn sie hat ihn im Verdacht, sich für Geld mit Frauen zu treffen.

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