Harald Lesch: „Wir leben weitaus friedlicher, als wir glauben“

von Redaktion

Seit zehn Jahren erklärt Wissenschaftler und Moderator Harald Lesch komplizierte Sachverhalte auf klare und anschauliche Art. Zum Jubiläum seiner ZDF-Wissenschaftsreihe „Leschs Kosmos“ widmet sich der 58-jährige Wahlmünchner (Foto: ZDF) heute um 23 Uhr dem Thema Gewalt und kommt zu der verblüffenden Erkenntnis, dass wir weitaus friedlicher leben, als wir glauben.

Ist uns ein gewisses Gewaltpotenzial angeboren, Herr Lesch?

Eigentlich nicht. Grundsätzlich sind wir Menschen auf Zusammenarbeit gepolt, weil wir wissen, dass wir nur gemeinsam überleben können. Aber Forschungen haben gezeigt, dass Gewalt durch Gruppenbildung gefördert wird. Treffen zwei Gruppen aufeinander, entsteht eine ganz andere Dynamik, als wenn zwei Individuen miteinander zu tun haben, die sich mit den Eigenheiten des Gegenübers auseinandersetzen und nicht blind Vorurteilen folgen.

Subjektiv hat man das Gefühl, dass die Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft größer geworden ist. Stimmt das?

Nein. Das lässt sich wissenschaftlich überhaupt nicht belegen. Allerdings vermitteln uns Fernsehen, Internet und Politik oft den Eindruck, dass unser Land im Chaos versinkt. In Krimis, Talkrunden und Medien regieren Mord und Totschlag. Umfragen zeigen, dass sich 30 Prozent der Deutschen fürchten, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. Völlig zu Unrecht: Die Statistik belegt, dass die Gewalt in unserer Gesellschaft rückläufig ist. Hier klaffen also das persönliche Empfinden und die Wirklichkeit weit auseinander.

Wie kommt es zu dieser Verzerrung der Wahrnehmung?

Das versuchen wir in unserer Sendung zu erklären. Ein Faktor ist sicherlich die Masse an Information, mit der wir tagtäglich konfrontiert werden. Nehmen wir beispielsweise das Thema Jugendkriminalität. Die hat drastisch abgenommen, weil wesentlich weniger Alkohol konsumiert wird als noch vor ein paar Jahren. Die Schulbildung und Lehrstellensituation ist vorbildlich. Ganz anders ist das Bild, das sich uns in den Medien bietet. Mord, aber auch Sexualverbrechen tauchen in der Berichterstattung um ein Vielfaches häufiger auf als im Polizeibericht. Dazu kommt die Dauerberieselung durch Fernsehkrimis und das Internet. Alles zusammen lässt ein ziemlich diffuses Bild in unseren Köpfen entstehen.

… und Angst. Das ist Ihr Thema in der nächsten Woche.

Ja, das ist spannend. Weil wir Ängste durchaus auch genetisch übertragen.

Das Gespräch führte Astrid Kistner.

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