„Frauen sind zum Putzen da“

von Redaktion

Das Sozialexperiment „No more Boys and Girls“ auf ZDF Neo untersucht Rollenbilder

VON ASTRID KISTNER

Warum spielen Buben Fußball und Mädchen lieber mit Puppen? Wieso ist Hausarbeit Frauensache und die Reparatur des Fahrrads ein Männerding? In dem zweiteiligen Sozialexperiment „No more Boys and Girls“, das ZDF Neo heute ab 20.15 Uhr zeigt, widmet sich Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes der spannenden Frage, ob wir genetisch oder gesellschaftlich auf unsere Rollenbilder festgelegt sind. Dafür geht die 37-Jährige in einer Grundschulklasse auf Entdeckungsreise nach Vorurteilen und Klischees, die sie gemeinsam mit Wissenschaftlern auf den Prüfstand stellt.

„Frauen sind eher zum Kochen und Putzen geeignet“, sagt einer der Erstklässler. „Mädchen können sich schick anziehen und sind hilfsbereit“, weiß seine Klassenkameradin. Wenn es darum geht, den Geschlechtern Eigenschaften zuzuordnen, sind sich die Mädchen und Buben im Film ausnahmsweise einig. „Bei den Gesprächen mit den Kindern hatte ich oft das Gefühl, eine Zeitreise in die Fünfzigerjahre zu machen“, sagt Collien Ulmen-Fernandes im Gespräch mit unserer Zeitung. Verwundert habe sie das stereotype Rollenbild nicht. „Meine Tochter ist sechs und tickt genauso, obwohl ich mich als ihre Mutter kritisch mit dem Thema auseinandersetze.“

Seit 2011 ist die gebürtige Hamburgerin mit dem Schauspieler Christian Ulmen verheiratet. „Wir teilen uns die Kinderbetreuung fünfzig-fünfzig.“ Vom Kindergarten abholen, Pausenbrote schmieren, ins Bett bringen, das machen beide. „Nur dass Christian dafür wie alle Väter mehr gefeiert wird. In Interviews taucht immer wieder die Frage auf, ob er mir mit unserer Tochter hilft. Allein die Formulierung impliziert, dass es eigentlich meine Aufgabe ist, mich zu kümmern. An dieser Einstellung würde ich gern arbeiten.“

Der Weg zur wirklichen Gleichberechtigung ist noch lang, wie die Doku zeigt. In 80 Prozent der deutschen Haushalte übernehmen nach wie vor die Frauen die klassischen Aufgaben. Der Grundstein dafür wird bereits im Kindesalter gelegt. Dabei prägt das Modell, das in der Familie gelebt wird, den Nachwuchs weit weniger, als wir gemeinhin glauben: „Wir Eltern sind nur ein Einflussfaktor“, sagt Collien Ulmen-Fernandes. „Was die Kinder als normal sehen, setzt sich aus vielen Einflussfaktoren zusammen. Was sie von ihrem Umfeld, den Erziehern, Freunden, dem Fernsehen und der Werbung mitbekommen, all das prägt ihr Bild.“ Lange habe sie nach Gute-Nacht-Geschichten gesucht, in der die Rollenbilder nicht so stereotyp sind: „Ich habe kaum eine gefunden.“

„No more Boys and Girls“ wagt dazu interessante Experimente. Beim „Hau-den-Lukas“ soll es ein Kräftemessen der Siebenjährigen geben. Zuvor aber geht es um Selbsteinschätzung. Wer ist der Stärkste in der Klasse? Während sich die Jungs ganz vorne sehen, glauben die Mädchen, dass sie nicht viel Power entwickeln. Das Ergebnis: Beide Geschlechter sind in diesem Alter gleich stark. „Sie trauen sich nur unterschiedlich viel zu“, so Ulmen-Fernandes, die immer glücklich damit war, ein Mädchen zu sein. „Und doch glaube ich, dass ich es mit meiner Art als Junge leichter gehabt hätte“, sagt die Moderatorin, die in der Medienbranche bisweilen zu kämpfen hatten.

„Ich schreibe Moderationstexte selbst und habe sie oft mit etwas Ironie versehen“, erinnert sie sich. „Die wurde mir dann rausgestrichen mit der Begründung, dass Ironie bei Frauen schnell zickig wirken könne.“ Das Bild des hübschen, zarten Models ließ sich für die Verantwortlichen nicht mit der selbstbewussten, schlagfertigen Frau in Einklang bringen, die Collien Ulmen-Fernandes ist. „Vielleicht gelingt es uns mit dieser Doku, ein wenig dafür zu sorgen, dass sich alte Rollenbilder nicht weiter verfestigen.“

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