Ein Film, der an die Substanz geht

von Redaktion

„Sieben Stunden“ erzählt das Martyrium der Gefängnispsychologin Susanne Preusker

VON STEFANIE THYSSEN

Niemand kann nachempfinden, was diese Frau erlebt hat. Aber der Film „Sieben Stunden“, der heute um 20.15 Uhr im Ersten läuft, lässt es zumindest erahnen. Er erzählt die Geschichte der Gefängnispsychologin Susanne Preusker, die am 7. April 2009 an ihrem Arbeitsplatz, der JVA Straubing, in die Gewalt eines Insassen gerät – und ein wahres Martyrium erleidet.

Roland K., so sein Name, ist ihr Patient, ein verurteilter Vergewaltiger und Mörder. Er gibt vor, kurz vor Feierabend noch mit der damals 49-Jährigen sprechen zu wollen – und nimmt sie dann als Geisel. Misshandelt und vergewaltigt sie mehrfach. Niemand greift ein, die Kollegen bekommen nichts mit von dem Gewaltexzess. Sieben Stunden lang. Dann wird K. überwältigt, eine in sich zusammengebrochene Susanne Preusker aus der Hölle befreit.

„Sieben Stunden“ ist nichts für schwache Nerven, der Film geht an die Substanz, ist streckenweise kaum zu ertragen – aber genau deswegen wichtig und sehenswert. Denn er zeigt eindrucksvoll, wie aus einer selbstbewussten, lebensfrohen, souveränen Frau ein gebrochener Mensch wird. Bibiana Beglau spielt diese Figur – im Film heißt sie Hanna Rautenberg – so unfassbar gut, dass man nur den Hut ziehen kann. Mit all ihrer Körperlichkeit schmeißt sich die 47-Jährige in die Rolle, sie spielt das Unbefangene vom Anfang und das Zerstörte vom Ende gleichermaßen überzeugend, man leidet als Zuschauer regelrecht mit ihr.

Und man fürchtet sich auch mit ihr – was wiederum an Till Firit liegt. Beglau und er kennen sich gut, gehören beide (noch – im Fall von Firit, der ans Burgtheater nach Wien wechselt) zum Ensemble des Residenztheaters. Unfassbar, wie gruselig dieser Mann spielen kann! „Früher war ich immer der liebe Schwiegersohn“, sagt der 41-jährige gebürtige Leipziger im Gespräch mit unserer Zeitung. „Aber seitdem ich am Resi bin, spiele ich immer häufiger berechnende, fiese Typen.“ Dies mache aber „total Spaß“. Ebenfalls am Resi engagiert sind Thomas Loibl, der als Ehemann von Hanna Rautenberg zu sehen ist, und Norman Hacker als ihr Kollege.

Trotz der körperlichen wie seelischen Verletzungen verliert die echte Susanne Preusker nicht ihren Lebensmut. Sie verarbeitet das Erlebte sogar in einem Buch, das auch Grundlage für den Film war. „Schultern hängen lassen und betreten in Richtung Himmel blicken, das ist nicht meins“, sagt sie damals der „Passauer Neuen Presse“. Dennoch kann sie als Gefängnispsychologin nicht mehr arbeiten. Im Jahr 2011 zieht sie mit ihrem Ehemann nach Magdeburg und ist dort als Autorin tätig. Alles deutet darauf hin, dass sie das Grauen verarbeitet hat. Tatsächlich begleiten sie Angststörungen und Panikattacken. Am 13. Februar 2018 nimmt sich Susanne Preusker das Leben.

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