„Vollblutjournalist“ – was sich in der Branche allzu leicht sagt, traf auf ihn wirklich zu. Dagobert Lindlau setzte sich auch im Ruhestand nicht zur Ruhe, er fühlte sich am heimischen Schreibtisch ebenso wohl wie zuvor im Fernsehstudio, meldete sich in politischen Diskussionen zu Wort, verfasste Bücher, die zu Bestsellern wurden. Jetzt ist der Mann mit dem verschmitzten Lächeln und dem sanften münchnerischen Akzent in seinem Wohnort Vaterstetten (Landkreis Ebersberg) gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.
Was Krieg bedeutet, musste Lindlau am eigenen Leib erfahren. Als 14-Jähriger wurde er bei einem Bombenangriff auf seine Heimatstadt schwer verletzt, blieb fast zwei Jahre ans Bett gefesselt. Früh zog es ihn zum Schreiben. Nach einem nach eigenen Angaben „miserablen Abitur“ verfasste er Artikel für eine Lokalzeitung und Kurzgeschichten, unter anderem für die Illustrierte „Quick“.
Bereits im Jahr 1954 landete Lindlau beim Bayerischen Rundfunk (BR), wo er schnell Karriere machte. Anfang der Sechzigerjahre baute er die Sendung „Anno“ zum bis heute bestehenden Politmagazin „Report München“ um, dessen Redaktionsleiter er bis 1969 war. Von 1965 an war er auch Chefreporter des Münchner Senders und blieb es mit Unterbrechungen bis 1992. Zwischen 1975 und 1987 präsentierte er den „Weltspiegel“ im Ersten.
Der Journalist, der zum Fernsehen gegangen war, weil er es „mit echten Menschen und Ereignissen“ zu tun haben wollte, verließ nur zu gern die Sendezentrale, reiste für Recherchen in Krisengebiete in aller Welt, berichtete, „was ist“. Aber Lindlau konnte auch Unterhaltung, moderierte unter anderem mehrere Jahre die „NDR Talkshow“ sowie die Gesprächsrunde „Veranda“.
Früh setzte sich die mehrfach ausgezeichnete Reporterlegende mit der Organisierten Kriminalität auseinander, schrieb Bücher wie „Der Mob“ (1987) und „Der Lohnkiller“ (1992), die sich hunderttausendfach verkauften. Lindlau scheute keine Auseinandersetzung, verteidigte seine Recherchen gegen die Zweifel von Polizeiführern und Politikern. Auch branchenintern war er unbequem, so kritisierte er die geplante Beförderung seines damaligen BR-Kollegen Franz Schönhuber zum Chefredakteur scharf. Schönhuber musste schließlich gehen und gründete die Republikaner.
Im Alter ging Lindlau auf Distanz zu dem Medium, das er so viele Jahre geprägt hatte. „Je älter ich werde“, so verriet er einmal, „desto kindischer kommt mir das Fernsehen vor. Wenn ich noch einmal auf die Welt käme, würde ich alles werden, bloß nicht Journalist. Schon gar nicht beim Fernsehen.“