Dem Schmerz entkommen
Ihre Tochter Lisa, die sich im Türkeiurlaub die blonden Haare zurückbindet, schnell noch die Sonnencremereste im Gesicht verreibt und dann lachend aufbricht, um sich beim nächsten Kiosk eine Luftmatratze zu kaufen – dieses letzte Bild hat sich in Petras Gedächtnis eingebrannt. Als die elfjährige Schülerin nicht zurückkehrt, alarmiert ihre Mutter die Polizei. Lisas Leiche wird 30 Stunden später gefunden. Der Mörder – ein Ladenbesitzer.
Nach 14 Jahren hat Petra nun beschlossen, dem Täter zu verzeihen. Warum, erklärt sie in der berührenden „37-Grad“-Doku „Ich muss ihm in die Augen sehen“, die das ZDF heute um 22.15 Uhr zeigt. Autorin Tina Solimann hat für ihren Film Mütter begleitet, deren Kind ermordet wurde. Was geschieht, wenn man das Liebste verliert? Wie geht man mit Trauer, Schmerz und Rachegefühlen um? Und: Kann man so eine Tat jemals verzeihen? (Siehe auch Interview.)
Karin kann es nicht. Ihre Tochter Nadine ist 27 Jahre alt, als ihr Lebensgefährte sie aus Eifersucht ersticht. „Ich habe immer gespürt, dass er zu so etwas fähig ist, aber Nadine wollte davon nichts wissen“, erinnert sich ihre Mutter im Film. Täglich geht Karin, die im Schmerz gefangen ist, auf den Friedhof. Der Mörder hat die Tat nie gestanden, obwohl die Beweislage eindeutig war. „Mir würde es helfen, wenn er die Schuld anerkennt“, sagt Karin. „Ich möchte, dass er nicht nur im Knast sitzt, sondern auch Verantwortung übernimmt.“
Reue und Bedauern zeigen, für das Unentschuldbare um Verzeihung bitten – wenigstens das wünschen sich die Hinterbliebenen von den Tätern. Doch nicht jeder ist bereit dazu. Das muss auch Sigrid erfahren, als sie den Männern, die ihren 25-jährigen Sohn totgeprügelt haben, in die Augen geschaut hat. „Nur einer von ihnen hat seine Tat bereut. Für mich war es wichtig, die Schuld denen zu geben, die sie tragen sollten“, sagt sie.
So wie Petra. Sie hat Lisas Mörder, der sich in der Haft erhängt hat, verziehen, „um aus der Opferrolle“ zu kommen. Rachegedanken heilen keine Wunden. „Ich wollte mich endlich wieder an die schönen Momente mit meiner Tochter erinnern.“