Rosi Mittermaier steht im Jahr 1966 als Zuschauerin eines Nachwuchsrennens an einer Piste im Kleinwalsertal. Christian Neureuther schiebt sich vom Start in den Kurs. Ein paar Schwünge später öffnet sich seine Bindung, er stürzt – und landet direkt vor Rosi. Neureuther steht auf und lacht. „Da dachte ich, der ist nett“, erzählt Mittermaier. „Meistens, wenn s’ hingefallen sind, haben s’ ihre Stecken hingehaut und waren grantig. Und er hat gelacht.“ Rosi war damals 15 Jahre alt, Christian ein Jahr älter, es war das erste Aufeinandertreffen des deutschen Wintertraumpaars. Mittlerweile sind sie seit 38 Jahren verheiratet. Grund genug für Dokumentarfilmerin Daniela Agostini, ihnen ein Porträt in der BR-Sendereihe „Lebenslinien“ zu widmen. „Rosi Mittermaier & Christian Neureuther – Gold in der Kombination“ heißt der Film, der heute um 22 Uhr im BR Fernsehen läuft.
Da sie seit über 50 Jahren skandallos im Scheinwerferlicht stehen, gelten Mittermaier (68) und Neureuther (69) als Paradebeispiel für eine funktionierende Beziehung, und gemeinsam mit ihren Kindern Ameli (37) und Felix (34) als glückliche Familie. Ihre Liebe scheint nichts aus der Bahn zu werfen. Und wenn man sieht, wie Christian die alten Liebesbriefe seiner Auserwählten hervorkramt und vorträgt, fühlt man sich bestätigt. Neureuther kann mit dieser Heroisierung aber nichts anfangen. „Vorzeigepaar heißt, du musst dich produzieren, damit du eine Rolle spielen kannst. Und diese Rolle wollen wir nicht spielen“, sagt er. „Wir sind so, wie wir sind, haben auch Probleme und in unserem Leben genug Fehler gemacht. Wir sind nicht das Vorzeigepaar, wir sind ganz normal.“
Ihre Popularität haben sie in erster Linie ihren Ski-Erfolgen zu „verdanken“. Mittermaier gewann zehn Weltcuprennen. Bei den Olympischen Spielen im Jahr 1976 in Innsbruck, die auch als Weltmeisterschaft gewertet wurden, heimste sie zwei Gold- (Abfahrt und Slalom) und eine Silbermedaille (Riesenslalom) ein und verewigte sich als „Gold-Rosi“ in der Sportgeschichte der Nation. Neureuther feierte sechs Weltcupsiege, darunter die Klassiker in Kitzbühel und Wengen. Nach ihrer aktiven Karriere kümmerte sich Neureuther um die Vermarktung. Dieses „Berufsmodell“ ist mit medialer Präsenz verbunden, ihre Kinder platzierten sie aber nie in die Öffentlichkeit.
Es geht um einen Mittelweg und darum, Werte zu vermitteln, sagt Neureuther, wohlwissend, dass die Kinder durch das Elternhaus geprägt wurden. „Dazu gehören auch negative Dinge, die mit der Öffentlichkeit zu tun haben. Wir haben natürlich alles weggehalten und sie nicht vor Fotoapparate gezerrt. Aber durch den Namen ging das alles automatisch vor sich.“ Die schlimmste Ausprägung war die geplante Entführung ihrer Tochter, die nur knapp verhindert werden konnte.
Ihre Charaktere sind konträr. Mittermaier ist der Ruhepol, Neureuther ist sensibel und emotional. „Das Geheimnis ist, dass sie einander akzeptieren und nicht verändern wollen“, erzählt Ameli in der BR-Sendung. Letztendlich profitieren beide. „Ich habe einen Anschubser an meiner Seite, ich bin der Bremser. Aber manchmal hat der Bremser auch recht“, sagt Rosi. Der Anschubser kontert: „Das stimmt, aber meistens ist es der Anschieber.“
Große Lebensziele verfolgen die beiden nicht mehr. Ihre Hochzeitsreise vor 38 Jahren führte sie noch in die Dominikanische Republik. Heute genügen die Berge rund um ihre Heimat Garmisch-Partenkirchen. „Das Ziel ist, dass man noch lange hier heraufkommt und runterschauen kann“, sagt Neureuther am Ende des Porträts auf dem Gipfel stehend und ins Tal blickend. „Das gibt dir mehr als eine Welle in Hawaii.“ Was das Wichtigste in ihrem Leben ist? „Der erste Kuss, weil er ewig gehalten hat. Und die Geburt der Kinder“, sagt Mittermaier und warnt Christian: „Jetzt, wennst was anderes sagst!“