Geschichten so zu schreiben, dass sie einen im Herzen berühren, ist eine große Kunst. Claas Relotius beherrschte sie. In seiner „Spiegel“-Reportage „Königskinder“ vom 9. Juli 2016 erzählt er von Ahmed und Alin, einem Geschwisterpaar aus Aleppo. Nach dem Tod der Eltern gelingt den beiden die Flucht von Syrien in die Türkei. Dort schuftet der Junge (10) als Schrottsammler, das Mädchen (11) als Näherin. Der Alltag der zwei Waisenkinder ein einziger Überlebenskampf. Solche grausamen Schicksale gibt es, zweifellos, aber dieses ist erfunden. So wie zahlreiche weitere Geschichten, die der Reporter Relotius seit 2011 für den „Spiegel“ geschrieben und gefälscht hat. Das Perfide daran: Mit diesem Artikel rief der 33-Jährige die Leser zu Spenden auf.
Von seiner privaten E-Mail-Adresse aus verschickte Relotius seine Bitte um finanzielle Unterstützung. Das Geld solle auf sein privates Konto überwiesen werden, damit er es an Ahmed und Alin weiterleiten könne. Dies schilderten gleich mehrere Leser dem „Spiegel“. Auch der FC Bayern München war von der Geschichte der Waisenkinder berührt und bot dem Reporter spontan an, die beiden in einem Flüchtlingsheim des Vereins unterzubringen. Eine Reaktion auf das Angebot gab es nie. Das Nachrichtenmagazin war von der privat initiierten Spendenaktion des Mitarbeiters nicht unterrichtet.
Wie viel Geld tatsächlich geflossen und was damit passiert ist, sei noch unklar, so der „Spiegel“, der sich derzeit um eine lückenlose Aufklärung bemüht und seine aktuelle Titelgeschichte dem Betrugsskandal im eigenen Haus widmet. Fakt ist, dass an der „Königskinder“-Geschichte allenfalls die Namen stimmen. Der türkische Fotograf Emin Özmen, der in Istanbul lebt und Relotius bei dieser Reportage begleitete, las den Artikel jetzt zum ersten Mal. Er stellte klar, dass Ahmed kein Waisenkind sei, sondern mit seiner Familie in Anatolien lebt, wo er in einer Autowerkstatt arbeitet. Das Mädchen Alin, das Relotius mit ihrem Bruder zur Adoption nach Deutschland vermittelt haben will, konnte der „Spiegel“ bisher nicht ausfindig machen. Die Spendenaffäre wurde vom Nachrichtenmagazin im Rahmen einer umfassenden Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft übergeben.
Der Fälscher-Skandal aber zieht immer weitere Kreise: Ärger gibt es jetzt auch mit Richard Grenell, dem US-Botschafter in Deutschland. Er wirft dem „Spiegel“ in seiner Berichterstattung „eklatanten Anti-Amerikanismus“ vor und stützt sich dabei auf die vor Kurzem als Fälschungen entlarvten Amerika-Geschichten von Claas Relotius. Grenell fordert das Magazin zu einer „gründlichen Untersuchung durch eine externe, unabhängige Organisation“ auf.
In seinem Antwortschreiben an den Botschafter entschuldigte sich der stellvertretende „Spiegel“-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit bei allen US-amerikanischen Bürgern, „die durch diese Reportagen beleidigt oder verunglimpft wurden“. Den Vorwurf des Anti-Amerikanismus aber wies er zurück: „Wenn wir den US-Präsidenten kritisieren, ist das nicht Anti-Amerikanismus, sondern Kritik an der Politik des Mannes im Weißen Haus.“