Überleben in Berlin

von Redaktion

„Die Unsichtbaren“ erzählt die Geschichten von vier in der Nazizeit untergetauchten Juden

VON KATHARINA ZECKAU

„Ich kann nicht einmal sagen, ob ich in dem Moment große Angst hatte oder nicht. Ich wollte einfach leben!“, sagt die über 90-jährige Hanni Levy. Im Februar des Jahres 1943 tauchte sie mitten in Berlin unter, um der Deportation zu entgehen. Über zwei Jahre harrte sie in der ständigen Furcht aus, entdeckt zu werden, blondierte sich die Haare, um „arisch“ auszusehen, fand wechselnden nächtlichen Unterschlupf bei Bekannten und harrte tagsüber in dunklen Kinos aus. Levy war eine von rund 7000 Juden, die damals heimlich in Berlin lebten. Und die damit auch die Propaganda der Nazis konterkarierten, die die Reichshauptstadt längst für „judenfrei“ erklärt hatten.

Das Dokudrama „Die Unsichtbaren“, zu sehen heute um 20.15 Uhr im Ersten, erzählt anhand von vier Schicksalen die Geschichte dieser Menschen – Cioma Schönhaus, Ruth Arndt, Eugen Friede und Hanni Levy. Der Kinofilm aus dem Jahr 2016, der nun erstmals im Fernsehen läuft, hat ihnen wie ihren Unterstützern damit ein Denkmal gesetzt. Gerade noch rechtzeitig – mittlerweile sind bis auf Hanni Levy alle Protagonisten verstorben.

Im Film aber kann man die betagten und geistig erstaunlich fitten Zeitzeugen noch erleben. In Interviews erzählen sie die Geschichte(n) ihres Untertauchens. Sie verknüpft Regisseur Claus Räfle mit Spielszenen, in denen die Schauspieler Max Mauff, Alice Dwyer, Aaron Altaras und Ruby O. Fee die vier jungen Juden verkörpern.

Außer ihrem Glauben und der damit verbundenen Verfolgung verbindet die vier nichts. Auch die Umstände ihres Überlebens während der Nazizeit unterscheiden sich stark. Während Ruths gesamte Familie im Verborgenen lebt, ist Hanni ganz auf sich gestellt. Auch der gelernte Grafiker Cioma, der die Zeit im Untergrund mit dem Fälschen von Pässen verbringt, verliert seine Eltern früh und muss sich allein durchschlagen. Eugen wiederum wird von seinem nicht-jüdischen Stiefvater bei unterschiedlichen Bekannten untergebracht – seine Mutter ist durch die Ehe mit einem „Arier“ zunächst geschützt.

Es ist eine große Stärke von „Die Unsichtbaren“, dass der Film mit seinen vier exemplarischen Geschichten auch einen breiten Querschnitt durch die Motivation der Helfer bietet. Das sind im Falle von Eugen Familien, die sich den Kommunisten zugehörig fühlen, bei Cioma die evangelischen Christen Franz Kaufmann und Helene Jacobs und bei Hanni eine Zufallsbekanntschaft, der sie zum Familienersatz wird. Der Familie Arndt wiederum halfen dankbare ehemalige Patienten des Vaters, der Arzt gewesen war. Und sogar ein Oberst der Wehrmacht, der Ruth als Hausmädchen beschäftigte, obwohl er um ihre Herkunft wusste.

Der Film erzählt nicht nur von einem weitgehend unbekannten, ebenso spannenden wie erschütternden Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte, hat also nicht nur sein Sujet klug gewählt. Claus Räfle und seiner Co-Autorin Alejandra Lopez gelingt es auch, dramaturgisch geschickt ein gutes Gleichgewicht aus fesselnden, überzeugend gespielten wie inszenierten Spielszenen und nicht minder packenden Gesprächssituationen zu schaffen. Was nicht zuletzt an den Interviewpartnern liegt, die durchweg sympathisch, reflektiert, wach, ja sogar humorvoll daherkommen. Es sind aber auch deren teils schier unglaubliche Lebensgeschichten. Vor allem der Erzählstrang rund um Ciomas abenteuerliche Passfälscherei hat etwas von einem Agentenfilm an sich.

Dennoch lässt der Film niemals vergessen, dass es sich bei dem Gezeigten um die bittere Realität handelt. Und zeigt neben der Grausamkeit die absurde Irrationalität auf, die hinter der grundlosen Verfolgung einer bestimmten Menschengruppe steht. Umso eindrücklicher erscheint die versöhnliche Haltung gegenüber Deutschland und den Deutschen, die alle vier Zeitzeugen ausstrahlen oder auch konkret formulieren.

Das Buch zum Film:

Claus Räfle: „Die Unsichtbaren. Untertauchen, um zu überleben.“ Elisabeth Sandmann Verlag, München,160 Seiten; 19,95 Euro.

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