„Wir alle sind nicht frei von Vorurteilen“

von Redaktion

Schauspielerin Maria Furtwängler über ihre neue „Tatort“-Kollegin und das Mutterbild in Deutschland

Es ist eigentlich ein starkes Stück, dass der „Tatort“ fast 50 Jahre alt werden muss, um eine erste schwarze Kommissarin zu etablieren. Aber so ist es – am Sonntag (ARD, 20.15 Uhr) feiert Florence Kasumba alias Anaïs Schmitz ihre Premiere. Sie ermittelt an der Seite von Maria Furtwängler, deren Figur Charlotte Lindholm nach einem missglückten Einsatz von Hannover nach Göttingen versetzt wurde.

Charlotte Lindholm wird in die Provinz versetzt. Das ist eine Herausforderung für eine Kommissarin, die so tickt wie sie, oder?

Auf jeden Fall! Charlotte saß ja immer schon auf einem sehr hohen Ross und schwebt jetzt sozusagen in Göttingen ein. Dabei macht sie überhaupt keinen Hehl daraus, dass ihr das alles dort eine Nummer zu klein ist. Sie signalisiert den Kollegen gleich zu Beginn: Ich bin besser als ihr alle zusammen und sowieso auch ganz schnell wieder weg. Und dann erlebt sie mit dieser Art eine ordentliche Bruchlandung. Das ist hart für Charlotte, aber für mich natürlich schön zu spielen.

Charlotte kommt tatsächlich als arrogante, selbstherrliche und unsympathische Figur daher…

Ja, wir treiben das diesmal auf die Spitze. Bisher haben wir diese Art eher als Qualität verstanden nach dem Motto: Charlotte ist so klug, so intelligent, sie weiß alles und vieles wirklich besser und kann deswegen den etwas tumben Dorfpolizisten, die bei den Ermittlungen ja oft ihren Weg gekreuzt haben, sagen, wo es langgeht. Dieses Mal drehen wir den Spieß um und lassen sie mit dieser Art gegen die Wand fahren.

Dass Charlotte „gegen die Wand“ fährt, liegt vor allem an der neuen Kollegin.

Allerdings. Anaïs Schmitz kommt genau wie Charlotte als echte Alpha-Frau daher. Sie ist ja schon rein physisch eine Wucht und füllt das mit ihrer Art noch aus. Spannend finde ich, dass diese beiden Frauen so agieren, wie man es eher von Männern erwartet: Sie schenken sich nichts und führen einen Machtkampf auf Augenhöhe, der seinen Namen verdient.

Die erste Begegnung zwischen den beiden bedient ein Klischee. Sie kommen zum Tatort, sehen die schwarze Anaïs Schmitz, die mit Handschuhen und Eimer dasteht – und halten sie für die Putzfrau.

Ja – das hat mir beim Lesen des Drehbuchs einen richtigen Stich versetzt. Wir haben dieses Klischee aber ganz bewusst aufgegriffen, denn wir alle sind nicht frei von Vorurteilen. Wenn wir eine schwarze Frau mit Kittel sehen, denken wir, das ist die Putzfrau. Das ist furchtbar, und natürlich ist das Charlotte auch sehr unangenehm, als sie merkt, dass diese Frau ihre neue Kollegin ist.

Damit setzen Sie ein Statement.

So ist es. Wir sind nicht nur die erste weibliche Doppelspitze im „Tatort“, sondern haben auch die erste schwarze Ermittlerin. Wir sind Vorreiter. Und das wollen wir auch sein.

Der Film handelt von einer Frau, die bis zur Entbindung nicht gemerkt hat – oder nicht merken wollte –, dass sie schwanger ist.

Das betrifft jede 500. schwangere Frau in Deutschland. Ich finde es ein wichtiges Thema, weil es unsere gängigen Vorstellungen durchbricht. Im Deutschen gibt es zum Beispiel den Begriff Rabenmutter. Den gibt es in keiner anderen Sprache. Das heißt: Mütter, die sich nach Meinung anderer nicht ausreichend um ihre Kinder kümmern, weil sie nach sechs Monaten wieder anfangen zu arbeiten, werden mindestens mal blöd angeschaut. Einem frisch gebackenen Vater würde das nie passieren. In Deutschland herrscht ein unglaublicher Druck auf Frauen. Wir sollen toll aussehen, im Beruf erfolgreich sein – aber natürlich auch liebende und fürsorgliche Mütter.

Das Gespräch führte Stefanie Thyssen.

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