Jutta Courage

von Redaktion

Die BR-„Lebenslinien“ feiern heute die Schauspielerin Jutta Speidel, die morgen 65 wird

VON KATJA KRAFT

„Was für ein Geschenk, geboren zu sein!“, sagt Jutta Speidel. Was für ein Geschenk, dass sie geboren wurde! Denken all die Menschen, denen diese bemerkenswerte Frau geholfen hat. Über 2300 Frauen und Kindern hat Speidel, die morgen ihren 65. Geburtstag feiert, bisher Obdach gegeben. Mit dem Verein Horizont, den sie 1997 gründete – und der seither von Obdachlosigkeit bedrohte Familien unterstützt. Das BR Fernsehen widmet der Schauspielerin heute Abend um 22 Uhr ein Porträt in der Reihe „Lebenslinien“. Der Untertitel: „Ich mach’s einfach.“

Das bringt die Art dieser starken Frau ziemlich genau auf den Punkt, die selbst bei der Beschreibung ihrer Person gern einfließen lässt, dass sie im Sternzeichen Widder geboren wurde. Tochter Antonia warnt augenzwinkernd davor, ihre Mutter mit einem Problem zu konfrontieren. „Man kann ihr nicht einfach nur davon erzählen. Wenn sie ein Problem sieht, dann wird das gelöst“, erzählt sie lachend in der BR-Doku.

So war’s auch, als sie einmal durch Zufall mit der Situation sozial schwacher, alleinstehender Mütter in München konfrontiert wurde. Da fing es an zu rattern in ihrem Kopf, wie es darin überhaupt immer rattert und rattert – nichts scheint Jutta Speidel ungerührt zu lassen. Also zog sie los, Unterstützer zu suchen. Die Idee: Ein Mutter-Kind-Haus in München bauen. Ex-Oberbürgermeister Christian Ude nennt’s „eine Schnapsidee“. Er erinnert sich noch lebhaft daran, wie Speidel vor ihm im Amtszimmer stand und ihren Plan verkündete. Ein Millionen-Projekt! Doch weil Ude wusste, dass es vollkommen sinnlos ist, einer Jutta Speidel etwas, das sie sich in den Kopf gesetzt hat, ausreden zu wollen, schwieg er ob seiner Zweifel. Wenige Jahre später wurde das erste Horizont-Haus eingeweiht. Seit vergangenem Sommer steht ein zweites.

Andi Niessners Film begleitet Speidel auf die Baustelle, als noch nichts nach baldiger Eröffnung ausschaut. Völlig uneitel lässt sie sich auch in solchen Stresssituationen filmen. Statt sich lange mit Ärger über die von den Handwerkern falsch ausgeführten Arbeiten aufzuhalten, greift der Widder in ihr an. Wie jetzt weiter? Was tun? Doch niemals mit dem Kopf durch die Wand. „Ich bin zwar irrsinnig impulsiv, aber gleichzeitig sehr strukturiert, ich brauche beides“, sagt sie über sich selbst. Nur so kann es gelingen, das Wahnsinns-Pensum, das sie leistet. Sie ist ihre eigene Managerin, spielt im TV und auf der Bühne, gibt Lesungen, ist Mutter zweier erwachsener Töchter, die für sie wie Freundinnen sind, ist Oma, kümmerte sich nach dem Tod des Vaters um ihre Mutter, die kürzlich mit 92 Jahren starb, hat einen Hund und schmeißt ganz nebenbei den Horizont-Verein, was für sich genommen ein Vollzeitjob wäre.

Was für eine Energie in ihr steckt, zeigte sich früh. Immer wollte sie auf die Bühne. Ergatterte 1969 eine Komparsenrolle in „Pepe, der Paukerschreck“. Und weil ihr erstens Hansi Kraus gefiel und sie zweitens häufig im Bild sein wollte, setzte sie sich in gemeinsamen Szenen hinter ihn, den Hauptdarsteller. Hat geklappt: Das kesse junge Mädel fiel auf und wurde entdeckt. Erhielt eine kleine Sprechrolle in „Hurra, die Schule brennt“. Der Beginn ihrer Karriere. Mit 20 hatte sie schon in 16 Kinofilmen mitgespielt. In den fröhlichen Siebzigern. Als mit den Kollegen noch hemmungslos geflirtet und gefeiert wurde. „Heute ist es beim Film total langweilig. Wenn Drehschluss war, haben wir damals gefragt: Was machen wir jetzt?“, erinnert sich Speidel. Überhaupt sehnt sie sich zurück nach Lockerheit und Unbefangenheit. Das fängt mit Äußerlichkeiten an. Schönheitsoperation? Kommt für sie, die zu ihren Falten im Gesicht steht, nicht infrage. „Schönheits-OPs? Wir haben sie belächelt vor 30 Jahren. Was haben wir denn all die Jahrhunderte davor ohne Schönheitschirurgie gemacht? Wir sind einfach gealtert“, kommentiert sie den Jugendwahn trocken.

In ihrem Leben wäre auch gar keine Zeit, sich mit Eitelkeiten aufzuhalten. Ständig klingelt ihr Handy, immer will irgendjemand irgendetwas von ihr. Doch die Speidel? Nimmt jedes Gespräch entgegen, organisiert, ratscht, lacht. Und strahlt mit jeder Handlung aus, was sie am Ende der Dokumentation betont: „Ich leb’ so gern. Ich hab das große Glück, geboren zu sein. Was für ein Geschenk!“ Für sie und so viele andere Menschen.

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