Das Denkmal für Michael Jackson vor dem Bayerischen Hof in München spricht eine deutliche Sprache: „Innocent“ steht auf Fotos des King of Pop. „Unschuldig.“ Denn für viele Jackson-Fans ist die Sache ganz klar: Die heftigen Missbrauchsvorwürfe gegen ihr Idol, die in der Dokumentation „Leaving Neverland“ erhoben werden, sind aus ihrer Sicht nichts als Lügen. An diesem Samstag bringt Pro Sieben den brisanten wie umstrittenen Film von Regisseur Dan Reed um 20.15 Uhr ins deutsche Fernsehen.
Darin erzählen James Safechuck (41) und Wade Robson (36) eindrucksvoll offen und in schwer zu ertragenden Details, wie der 2009 gestorbene Sänger sie als Kinder missbraucht haben soll. „Ich konnte entweder ihn anschauen, wie er masturbierte – oder Peter Pan“, sagt etwa Robson im Film. Angefangen habe der Missbrauch, als er erst sieben Jahre alt war.
„In Paris zeigte er mir, wie man masturbiert. Damit fing es an“, berichtet Safechuck. Und dass Jackson sich überall auf seiner berühmten Neverland Ranch an ihm vergangen haben soll. „Es klingt krank, aber es war wie in einer frischen Beziehung“, sagt er. „Ich war richtig verliebt in ihn.“ Seine Hände zittern, wenn er erzählt, wie Jackson ihm Schmuck für sexuelle Gefälligkeiten geschenkt haben soll. Robsons Mutter spricht von einem „Muster“: „Alle zwölf Monate hatte er einen neuen Jungen an seiner Seite.“
„Über ,Leaving Neverland‘ spricht die Welt“, sagt Stefan Vaupel, Chefredakteur von Pro Sieben. „Kindesmissbrauch ist eines der größten gesellschaftlichen Tabu-Themen unserer Zeit. Kirche, Künstler und andere haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder das Schweigen ihrer Opfer erkauft. Deshalb zeigen wir den Film.“ Begleitet wird die US-Dokumentation von einer eigenen Sendung des Münchner Privatsenders: Opfer, Wegbegleiter, Fans, Freunde und Kritiker Jacksons sollen darin zu Wort kommen.
Unmittelbar vor der Ausstrahlung der deutschen Fassung musste allerdings Regisseur Reed einräumen, dass ein Detail nicht so sein kann, wie Safechuck es erzählt. Er gibt in der Dokumentation an, von 1988 bis 1992 von Jackson missbraucht worden zu sein – unter anderem in einem Raum des „Neverland“-Bahnhofes. Der wurde aber erst 1993 gebaut, wie ein Biograf in den Baugenehmigungen herausgefunden hat.
Das ist Wasser auf die Mühlen der Jackson-Fans. Einige von ihnen haben für Samstag Demonstrationen vor der Pro Sieben-Zentrale in Unterföhring angekündigt, um auf „Verleumdungen und Falschaussagen“ in der Dokumentation aufmerksam zu machen.
„Mir fehlen die Worte“, sagt die Frau, die sich seit Jahren um das Münchner Jackson-Denkmal kümmert, ihren Namen aber nicht mehr in den Medien lesen will. Eigentlich will sie gar nichts mehr dazu sagen – und spricht dann doch fast eine halbe Stunde ohne Pause. So wütend ist sie. Sie spricht von einer „Lynchjustiz der Medien“. Wohin, so fragt sie, kommen wir denn, wenn über Schuld und Unschuld nicht mehr in Gerichtssälen geurteilt wird, sondern in Dokumentationen? Die Justiz, betont sie, habe Jackson freigesprochen.
In Fan-Foren im Internet werden die Protagonisten des Films teilweise wüst beschimpft. Michael Jacksons Unschuld ist dort keine Vermutung, sondern Gewissheit. Ein solches Verhalten sei für Fans ganz normal, sagt der Würzburger Professor Harald Lange, Gründer des Instituts für Fankultur. „Fans beurteilen ihr Idol, ihren Star, ihre Mannschaft nicht rational, sondern aus einer emotionalen Perspektive heraus.“ Eine rationale Einschätzung könne man in diesem Fall nicht erwarten. „Fans haben eine rosarote Brille auf – ähnlich wie in der Liebe.“