Jetzt reden die Opfer

von Redaktion

Die Doku „Leaving Neverland“ verurteilt Pop-Idol Michael Jackson als Kinderschänder

VON PAULA KONERSMANN

Von einer Debatte ohne Gewinner sprach kürzlich der Direktor der National Portrait Gallery in London, Nicholas Cullinan. Auf den ersten Blick scheint das zu stimmen: Die neuerlichen Missbrauchsvorwürfe gegen den vor fast zehn Jahren gestorbenen Musiker Michael Jackson ziehen eine Welle von Diskussionen nach sich, teils regelrechten Hass und kaum zu überblickende Folgen. Im Januar war die Dokumentation „Leaving Neverland“ erstmals auf einem Festival zu sehen. In dem vierstündigen Film berichten James Safechuck (40) und Wade Robson (36), wie sie dem Megastar vor rund 30 Jahren begegneten und ihm rasch näher kamen. Und sie werfen ihm jahrelangen sexuellen Missbrauch vor, teils in drastisch-detaillierten Schilderungen. Seit der US-Ausstrahlung des Films Anfang März bei HBO hat Jacksons Ansehen weltweit massiv gelitten. Seine Fans erinnern daran, dass er zu Lebzeiten von Vorwürfen des Kindesmissbrauchs freigesprochen wurde. Die Nachlassverwalter des Sängers verklagten HBO auf 100 Millionen Dollar Schadenersatz.

Radiosender in verschiedenen Ländern spielen keine Songs von Jackson mehr. Die Bonner Bundeskunsthalle, die seit zwei Wochen eine Ausstellung zu Jacksons Einfluss auf die bildende Kunst zeigt, geriet unter Druck. Die Öffentlichkeit ist hin- und hergerissen: zwischen Unschuldsvermutung und dem Anspruch, Opfern von Straftaten zu glauben; zwischen einer Sehnsucht nach außergewöhnlichen Figuren und einem kritischen Blick auf einen überzogenen Starkult; zwischen dem Ruf nach Gerechtigkeit und dem Faktum, dass der Beschuldigte tot ist. Ein juristisches Urteil dürfte kaum zu erwarten sein.

Am vergangenen Samstag konnten sich deutsche TV-Zuschauer ein Bild machen: Zur Hauptsendezeit war „Leaving Neverland“ bei ProSieben zu sehen. Der Sender habe mit der Ausstrahlung ein „klares Anliegen“, ergänzt Sprecher Christoph Körfer: „Wir wollen alle Opfer ermuntern, ihr Schweigen zu brechen.“ Der zweiteilige Film ist fokussiert auf die – durchaus glaubwürdig wirkenden – Berichte von Safechuck und Robson. Zu Wort kommen zudem ihre Mütter, die sich fragen, wie sie die minderjährigen Söhne nächtelang mit einem erwachsenen Mann allein lassen konnten, den sie doch kaum kannten. Einordnende Off-Kommentare gibt es nicht, nur Jahreszahlen werden eingeblendet.

Zum Schluss zeigen wenige Bilder, wie grenzenlos die Verehrung für Jackson war – und bisweilen weiterhin ist: sein Auftritt beim Superbowl 1992, erwachsene Männer, die angesichts seines Todes in Tränen ausbrechen, hasserfüllte Botschaften an Robson, nachdem dieser 2013 erstmals öffentlich Missbrauchsvorwürfe erhob. ProSieben erklärt unterdessen, man habe mit stärkerem Gegenwind von deutschen Fans gerechnet. In München gab es eine Demonstration.

Nicht jeder Zuschauer wird sich ein Urteil über die konkreten Vorwürfe erlauben. Über die Dynamik von Missbrauch, die hier wie aus dem Lehrbuch dargelegt wird, lohnt es sich gleichwohl nachzudenken: über Gerüste aus Lügen und Kontrolle, über falsche Loyalität und die Verführungen des Ruhms, über Machtstrukturen und den eigenen moralischen Kompass. Nach der Ausstrahlung wird die Debatte hierzulande stärker werden. Eine Auseinandersetzung mit diesen Themen könnte dazu beitragen, dass am Ende doch nicht nur Verlierer zurückbleiben.

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