Die ARD-Doku zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung nach

von Redaktion

VON ASTRID KISTNER

Warum die Männer Anfang der Fünfzigerjahre an der eigenen Wohnungstür klingelten anstatt einfach aufzuschließen? Damit ihre Frauen Zeit hatten, rasch die Schürze abzulegen und den Lippenstift nachzuziehen. Was klingt wie die Antwort auf eine schlechte Scherzfrage ist die Botschaft eines Archivschnipsels, den die sehenswerte Dokumentation „Als Mutti arbeiten ging“ zeigt. Der Film, den das Erste an diesem Mittwoch um 23.30 Uhr im Rahmen eines Themenabends zu 70 Jahren Gleichberechtigung ausstrahlt, fördert Spannendes und Skurriles über alte Rollenbilder zu Tage und wagt eine aktuelle Bestandsaufnahme.

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ – um diese fünf schlichten Wörter musste die Juristin Elisabeth Selbert kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als eine von nur vier Frauen im 65 Mitglieder umfassenden Parlamentarischen Rat hart ringen. Vier Jahre dauerte es, bis sie schließlich 1949 im Grundgesetz unter Paragraf 3, Absatz 2 verankert wurden. Der Beginn einer neuen Ära? „Noch lange nicht“, lacht Margit Korge. Die 89-Jährige heiratete jung und zog in Westberlin ihre drei Kinder auf. „Die Frau hatte ihren Haushalt damals so geräuschlos zu führen, dass der Mann von den Lasten des Alltags nichts mitbekam“, erinnert sie sich.

Das Recht hinkte dem Grundgesetz noch lange hinterher. Die Geschäftsfähigkeit des weiblichen Geschlechts ließ auf sich warten. Wollten Frauen einen Beruf ausüben, musste der Ehemann zustimmen. Im Jahr 1960 waren nur 33 Prozent der deutschen Frauen berufstätig. Für Korges Enkelin Corinna (28) eine Vorstellung, die ihr völlig fremd ist. Wie ihre Mutter Juliane (59) arbeitet sie als selbstständige Steuerberaterin. „Ich glaube, dass wir heute weniger um die Gleichberechtigung in der Arbeitswelt kämpfen müssen als um die Gleichbehandlung als Menschen“, sagt Corinna im Film.

Drei Generationen, drei Meinungen. Die Dokumentation von Susanne Brahms und Rainer Krause richtet auch den Blick in die ehemalige DDR, wo die Gleichberechtigung im Vergleich zum Westen komplett anders gelebt wurde. Aus Mangel an Arbeitskräften holte sich der Staat die Frauen in alle Berufe und schuf eine flächendeckende Kinderbetreuung. Nur Hausfrau zu sein war schlicht peinlich. Daran erinnert sich Familie Löwenberg aus Eisenhüttenstadt im heutigen Brandenburg. „Wir haben von früh bis spät geackert und uns danach noch um die Kinder gekümmert“, sagt Ingrid Löwenberg, die als Landvermesserin eingesetzt war. Frauen waren in Männerberufen eindeutig erwünscht. Aber haben sie auch den gleichen Lohn bekommen? Halfen die ostdeutschen Männer mehr im Haushalt?

Mit großer Sorgfalt zeichnet die Doku „Als Mutti arbeiten ging“ den steinigen Weg der Gleichberechtigung nach, spricht mit Zeitzeugen und unterhält mit historischen O-Tönen. Was die Frauenrechtlerin Elisabeth Lüders 1958 zum Thema Gleichberechtigung sagte, funktioniert als wunderbares Fazit in diesem Film: „Zum Teil ist sie erfüllt, zum Teil aber auch nicht, und wenn die Menschen nicht weiter dafür kämpfen, werden sie das, was sie haben, wieder verlieren.“

Der Themenabend

zu 70 Jahren Grundgesetz beginnt um 20.15 Uhr mit einer „Im Namen des Volkes“ überschriebenen Diskussionsrunde. Verfassungsgerichtspräsident Andreas Vosskuhle beantwortet Fragen von Bürgern. Sandra Maischberger und Frank Bräutigam moderieren. Anschließend um 21.30 Uhr zeigt das Erste nochmals das filmische Porträt Elisabeth Selberts unter dem Titel „Sternstunde ihres Lebens“. In der Titelrolle ist Iris Berben zu sehen.

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