„Smartphone ausschalten!“

von Redaktion

INTERVIEW: Wissenschaftler Harald Lesch über den Bürger als freiwilligen Datenlieferanten

Ob Kontostand, Kaufverhalten oder sexuelle Vorlieben – das Netz weiß mehr, als uns bewusst ist. Mit welchen Mitteln wir täglich überwacht und abgehört werden, erklärt der Münchner Wissenschaftler Harald Lesch in seiner heutigen ZDF-Sendung „Leschs Kosmos“ um 22.40 Uhr. Im Interview mit unserer Zeitung verrät er, wie wir uns besser schützen können.

Wie umfassend werden wir in Deutschland überwacht?

Tja, wenn wir das wüssten! So genau verraten uns das die Überwacher leider nicht. Aber an der Menge von Kameras und Mikrofonen, die überall verbaut sind, können wir abschätzen, welche vielfältigen Optionen es gibt. Und was wir wissen ist, dass diese Optionen auch zunehmend genutzt werden.

Gestern habe ich mich mit meinen Kindern über Gartentrampoline unterhalten und prompt eine entsprechende Werbung auf mein Smartphone bekommen. Zufall?

Ha! Ein sehr gutes Beispiel. Ich kenne zu viele solcher Geschichten, als dass ich noch an Zufälle glauben könnte. Ich weiß von Leuten, die sich über eine besonders seltene Krankheit unterhalten und kurz darauf auf ihrem Handy Tipps für die passende Behandlung erhalten haben. Wir werden sicher deutlich stärker abgehört, als wir das vermuten. Und da geht es ja nicht nur um Rohdaten, sondern auch um die sinnvolle Weiterverarbeitung des Gesagten.

Wie kann ich mich schützen?

Was das Telefon betrifft, müsste man das Smartphone wirklich öfter mal ausschalten, wegpacken und aufs Festnetz zurückgreifen. Das Handy ist wie eine Quelle, aus der unsere Daten unkontrolliert heraussprudeln. Das Festnetz ähnelt dagegen einem Brunnen. Wenn wir Wasser rausholen wollen, müssen wir mit dem Eimer eintauchen.

Wer steckt hinter dieser Überwachung und nutzt sie?

Die Firmen selber. Haben Sie eine Ahnung wie Amazon oder die Google-Tochter Alphabet strukturiert sind? Das Einzige, was wir beide doch sicher wissen, ist, dass die sehr, sehr viel Geld haben. Und das macht sie zu unglaublich potenten Handelnden auf dem Markt der Informationen. Nicht umsonst spricht man davon, dass unsere Daten das Rohöl des 21. Jahrhunderts sind. Beide Unternehmen können spielend Profile über jeden einzelnen Bürger anfertigen. Die wissen, wann wer was im Netz gekauft, gesucht oder geäußert hat. Je mehr die über uns erfahren, umso detaillierter fällt dieses Profil aus. Diese Firmen brauchen keine Hacker, die machen das ganz legal, weil wir ihnen keine Grenzen gesetzt haben.

Was müsste sich ändern?

Vor ein paar Jahren gab es diese irritierende Aussage unserer Kanzlerin, dass Abhören unter Freunden gar nicht gehe. Schon damals hätten wir auf die Straße gehen müssen – 80 Millionen Deutsche, die fordern, nicht abgehört zu werden, auch nicht von amerikanischen Konzernen. Wir sollten selbst entscheiden, wer unsere Daten bekommt.

Wie können wir die digitale Überwachung minimieren?

Fitnesstracker, Siri, Alexa, die ganze Smart-Home-Ausstattung – das alles sollte man nicht haben. Oder, um es drastisch auszudrücken: Sich die Stasi freiwillig ins Haus zu holen, wäre doch keinem Bürger der DDR eingefallen. Ich persönlich habe kein Smartphone, die Kamera an meinem Rechner ist zugeklebt. Das Mikrofon an meinem Computer ist abgeschaltet, und obendrein habe ich eine Überwachungssoftware, die mir zeigt, ob jemand versucht, auf meine Daten zuzugreifen. Das sind erste Maßnahmen. Wenn einen jemand allerdings gezielt hacken möchte, hat man als Laie kaum Möglichkeiten, sich technisch zu wehren.

Das klingt beängstigend…

Solange wir dafür sorgen, dass demokratische Parteien uns regieren, haben wir gute Chancen, dass es bei uns nicht so wird wie im Überwachungsstaat China. Sollte es aber eines Tages dazu kommen, dass ein totalitäres System übernimmt, wäre das fatal. Die Optionen zum Missbrauch unserer Daten sind heute schon riesig.

Das Gespräch führte Astrid Kistner.

Artikel 2 von 2